Wirkungen der Kinder- und Jugendhilfe

Am 26. Juni 2015 fand in Berlin das Fachgespräch „Wirkungen der Kinder- und Jugendhilfe“ im Rahmen einer erweiterten Vorstandssitzung der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AG statt.

Teilnehmende

Rund 35 Personen aus den verschiedenen Strukturen und Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe sowie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend nahmen an dem Fachgespräch teil.

Hintergrund des Fachgespräches

Seit einigen Jahren wird die Frage nach der Wirksamkeit der Kinder- und Jugendhilfe immer lauter. Fachkräfte (sowohl Leitungskräfte als auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter) werden künftig weit mehr gefordert sein, die Wirkungen ihres beruflichen Handelns nach innen und außen darzulegen.

Dennoch wird die Debatte um die Messung von Wirkungen der Kinder- und Jugendhilfe kontrovers geführt. Befürworter stellen beispielsweise heraus, dass das Arbeiten mit Wirkungszielen als wertvolles Instrument für eine gelungene Planung, Steuerung und Qualitätsentwicklung von Prozessen sowie für die Reflexion im Team genutzt werden kann. Das praktische Wirken kann auf diesem Wege besser auf die Belange der Kinder und Jugendlichen abgestimmt und nach außen transparent gemacht werden. Kritiker wiederum warnen davor, dass das Messen von Wirkungen an der professionellen Praxis weit vorbei gehen könne oder nur mit dem Ziel der Kosteneinsparung verfolgt werde.

Programm/Verlauf

Folgende Expertinnen und Experten konnten für das Fachgespräch gewonnen werden:
•    Prof. Dr. Michael Macsenaere, Institut für Kinder- und Jugendhilfe
•    Dr. Maik-Carsten Begemann, Fachhochschule Düsseldorf
•    Stefanie Albus, Universität Bielefeld
•    Karin Beher, Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund
•    Dr. Claudia Buschhorn, Universität Münster
•    Gesamtmoderation: Prof. Dr. Karin Böllert, Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ

Im Rahmen der Begrüßung skizzierte die Vorsitzende der AGJ, Frau Prof. Dr. Karin Böllert, den politisch-historischen Hintergrund der Wirkungsdebatte und ging auf die bisherige Befassung mit der Thematik seitens der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe – AGJ ein. So sei der aktuelle Diskurs um Ergebnisse und Wirkungen in der Kinder- und Jugendhilfe ein hochgradig vermintes Gebiet, was beispielsweise in der von der AGJ in Auftrag gegebenen „Expertise zum aktuellen Diskurs um Ergebnisse und Wirkungen im Feld der Sozialpädagogik und Sozialarbeit – Literaturvergleich nationaler und internationaler Diskussion“ unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. h. c. Hans-Uwe Otto (2007) sowie dem darauf aufbauenden Expertengespräch der AGJ zur „Wirkungsorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe“ im Juni 2007 in Berlin deutlich geworden.

In seinem einführenden Vortrag „Das Messen von Wirkungen“ nahm Herr Prof. Dr. Michael Macsenaere (Institut für Kinder- und Jugendhilfe) eine Klärung der Begriffe „Wirkung“ und „Messen“ vor, skizzierte die Historie der Wirkungsdebatte in den Hilfen zur Erziehung (HzE) unter Bezugnahme auf einschlägige Theorien, stellte zehn Leitlinien für die Wirkungsmessung vor und ging auf Risiken und Chancen einer Wirkungsorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe ein. So seien die Risiken bei entsprechender Planung weitestgehend reduzierbar. Demgegenüber ermögliche das systematische Wissen um die erreichten Wirkungen einen Überblick auf allen relevanten Ebenen sowie den Vergleich bzw. Stärken-Schwächen-Analysen von ergriffenen Maßnahmen und könne als Entscheidungsgrundlage sowie als Instrument der Qualitätsentwicklung und Legitimation für bestimmte Aktivitäten dienen.

Anschließend wurden kurze Vorträge zu den Wirkungsuntersuchungen in einzelnen Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe präsentiert:

Herr Dr. Maik-Carsten Begemann (Fachhochschule Düsseldorf) machte in seinem Vortrag „Wirkungsuntersuchungen in der (offenen sowie verbandlichen) Kinder- und Jugendarbeit aus Sicht der empirischen Sozialforschung“ deutlich, dass zwar die Strukturen der Kinder- und Jugendarbeit (KJA) vergleichsweise gut erforscht seien, die Ergebnisse und Wirkungen aufgrund nicht eindeutiger Ziele der KJA sowie der konstitutiven, unveränderlichen Merkmale des Arbeitsfeldes jedoch eine entsprechende Wirkungsforschung – beispielsweise im Vergleich zum Arbeitsfeld der Hilfen zur Erziehung – erschweren. Weiterhin diskutierte er bisherige Studien zu den Wirkungen in der KJA mit Blick auf die Frage, inwieweit diese Studien tatsächlich Wirkungsuntersuchungen seien und präsentierte davon ausgehend Anforderungen an eine zukünftige Wirkungsforschung im Arbeitsfeld der KJA.

Frau Stefanie Albus
(Universität Bielefeld) richtete Ihren Vortrag „Wirkungsuntersuchungen in den Hilfen zur Erziehung“ anhand von drei Leitfragen aus (Wie können wir Wirkungen richtig messen? Wie können wir die Erkenntnisse um Wirkungen sinnvoll für die Praxis nutzen? Welche Wirkungen sind eigentlich relevant?) und präsentierte verschiedene Studien und darin integrierte Wirkungsindikatoren, die die jeweils intendierte Zielgröße angeben.
Dabei stellte sie heraus, dass der Wirkungsmaßstab der Kinder- und Jugendhilfe von (fach-)
politischen Aushandlungsprozessen über ihren Zweck abhängig sei, d.h. ob die Kinder- und Jugendhilfe eher als Problemverwalterin (vor allem im Bereich der HzE), als Dienstleisterin (für Eltern) oder aber als Sozialisationsinstanz verstanden werde, die menschliches (und damit kindliches) Leiden zu vermeiden hilft und Voraussetzungen für „gutes Leben“ schaffen will.

Frau Karin Beher (Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund) ging in ihrem Vortrag zum Arbeitsfeld der Kindertagesbetreuung insbesondere auf die Fragestellung „Wirkt Kita?“, die Forschungslandschaft sowie die Kriterien ein, die eine ideale Studie erfüllen müsse. Aufgrund der gestiegenen gesellschaftlichen Relevanz der Kindertagesbetreuung sei sie einem steigenden Legitimationsdruck bezüglich der verwendeten öffentlichen Mittel ausgesetzt (Kosten-Nutzen-Analyse). Vor allem Untersuchungen der Wirkungen des Kita-Besuchs auf die Kompetenzentwicklung von Kindern seien ein wichtiger Forschungsgegenstand, der bislang unzureichend untersucht worden sei. Frau Beher führt des Weiteren zu Ergebnissen internationaler und nationaler Studien aus. Eine ideale Studie müsse u.a. folgende Kriterien berücksichtigen: Start der Untersuchung ab einem möglichst frühen Lebensalter der Kinder; es muss mehrere Messzeitpunkte zur Beobachtung der Entwicklungsfortschritte geben; der Beobachtungszeitraum muss möglichst lang sein; es muss eine ausreichend große Fallzahl zur Durchführung detaillierter Analysen geben.

In ihrem Vortrag „Wirkungsorientierte Evaluation eines Projektes der Frühen Hilfen“ stellte Frau Dr. Claudia Buschhorn (Universität Münster) das Konzept und Untersuchungsdesign des Projektes „Guter Start ins Leben“ vor. Eingangs führte sie aus, dass kaum wirkungsorientierte Untersuchungen von Angeboten Früher Hilfen vorlägen. Das Projekt solle nun die Frage beantworten, welche Veränderungen die untersuchten Angebote Früher Hilfen an verschiedenen Standorten in den Familien bewirken können und was für welche Adressatinnen und Adressaten unter welchen Bedingungen welche Wirkung zeige. Das Experiment richte sich darauf, eine kausale Beziehung zwischen zwei Ereignissen zu ermitteln, d.h. die Ermöglichung eines Vergleichs der Veränderungen von Personen, die ein bestimmtes Angebot erhalten („Interventionsgruppe“) mit denen von Personen, die ein alternatives („Vergleichsgruppe“) bzw. gar kein oder ein Placebo-Angebot („Kontrollgruppe“) erhalten. Übergeordnetes Ziel sei eine „evidenzbasierte Professionalisierung“ (Albus et al. 2009, Micheel 2014) als Gegenentwurf zu einer rationalisierten, durchkalkulierten Jugendhilfepraxis.

Zielsetzung / Ergebnis

Ziel des Fachgespräches war es, einen Fachaustausch zum aktuellen Stand der Debatte um das Messen von Wirkungen im Allgemeinen (d.h. zu Begrifflichkeiten, Messinstrumenten und -verfahren sowie zu Prozessen der Analyse und Bewertung der Ergebnisse) sowie zu den Spezifika in verschiedenen Handlungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe zu führen. Weiterhin wurden die Herausforderungen und möglichen Perspektiven der Wirkungsdebatte in der Kinder- und Jugendhilfe kritisch diskutiert.

Im Rahmen der sich anschließenden Plenumsdiskussion „Herausforderungen und Perspektiven der Wirkungsdebatte in der Kinder- und Jugendhilfe“ fasste Frau Prof. Dr. Böllert noch einmal ausgehend von den Beiträgen folgende Punkte zusammen: Sie hinterfragte, ob KJA wirklich keine eindeutigen Ziele habe und bereits deswegen Wirkungen nur schlecht gemessen werden können; oder ob es vielmehr darum gehe, dass die KJA als „Wirkungsort“ erst entdeckt werden müsse – und ob die KJA dies auch wolle. Bei der Kindertagesbetreuung gehe es um den gesellschaftlichen Nutzen. Dieser beziehe sich nicht allein auf Bildungsverläufe, sondern z. B. auch auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und damit auf einen arbeitsmarktpolitischen Aspekt. Man müsse sich in diesem Kontext nicht nur die Frage stellen, was wirkt, sondern warum wirkt was. Die zentrale Frage, die bei allen Beiträge zum Tragen gekommen und daher auch an das Plenum zu richten sei, laute: Wie kommt die Forschung in die Praxis?

In der sich anschließenden Diskussion im Plenum wurde deutlich, dass fachliche Indikatoren von Wirkung entwickelt und auch angewandt werden müssen (Capabilities). Es wurde davon abgeraten, das Kriterium Schulerfolg als Faktor für die Erfolgsmessung im Kitabereich heranzuziehen, da der Einfluss der Kinder- und Jugendhilfe hier eher gering sei. Die Wirkfaktoren müssten unter dem Blickwinkel von systemübergreifenden Zuständigkeiten und handlungsfeldübergreifend in den Blick genommen werden. Zudem sollten sie nicht defizitorientiert sein. Es würden Wirkfaktoren benötigt, die bezogen auf das jeweilige Handlungsfeld ihre Wirkungen entfalten. Es wurde überlegt, ob die Wirkungsfaktoren von Frau Albus („Capabilities“) auf alle Handlungsfelder übertragen werden könnten (siehe Folie 8 aus dem Vortrag). Ferner wurde davor gewarnt bestimmte Begründungskontexte herzustellen: Beispielsweise sei es problematisch, wenn „gute“ bzw. „erfolgreiche“ Frühe Hilfen zu einer Kostenersparnis im Feld der HzE führen sollen.

Darüber hinaus sei es wichtig sich mit der Frage der Forschungsinstrumente zu befassen. Diese seien derzeit so unterschiedlich, dass die Ergebnisse nur schwer miteinander zu vergleichen seien. Methodische Standards wie Längsschnittstudien, Kontrollgruppen und Treatment seien allgemeiner Konsens. Die Wirkungsforschung müsse weiterqualifiziert werden im Sinne einer Weiterentwicklung der Professionalisierung der einzelnen Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe. Die Frage nach dem Transfer in die Praxis spiele dabei ebenfalls eine große Rolle. In Bezug auf die Wirkungen in den einzelnen Handlungsfeldern müsse geklärt werden, was es an Forschung in welchen Bereichen braucht und man müsse sich weg von dem Kosten-Nutzen-Faktor hin zu einer Praxisentwicklung bewegen. Dabei gehe es erst einmal auch um die gegenseitige Verständigung, die Wirkungsorientierung zu einem zentralen Faktor dieser Entwicklung zu machen. Für den Transfer von der Forschung in die Praxis könne in den Ländern evtl. ein aufbereitendes Berichtswesen genutzt werden. Allerdings sei insbesondere die Umsetzung von Bedeutung, d. h. dass das Wissen auf der Handlungsebene auch tatsächlich zu Veränderungen führe. Man müsse in ein neues Zeitalter der Kinder- und Jugendhilfe eintreten. Hier könne die AGJ als Schnittstelle zwischen Forschung und Praxis aber auch zur Klärung forschungsbezogener Fragstellungen und Klärungsbedarfe eine entscheidende Rolle übernehmen (eventuell mit der Einrichtung eines neuen Fachausschusses, der nur aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bestehe). Angeregt wurde auch ein gemeinsamer Forschungsausschuss von AGJ und DJI.

Frau Prof. Dr. Böllert fasste die Ergebnisse der Diskussion noch einmal zusammen:

  • Wirkungsfaktoren müssen forschungsbasiert nachgewiesen werden können.
  • Es braucht klare Zieldefinitionen bezogen auf die einzelnen Handlungsfelder.
  • Die Kausalannahmen, mit denen man in die Forschung geht, müssen überprüft und festgelegt werden.
  • Die Instrumente müssen überprüft werden – eine Vergleichbarkeit der Daten muss hergestellt werden.
  • Der Transfer der Forschungsergebnisse in die Praxis muss gewährleistet werden und es muss darüber nachgedacht werden, mit welchen Mitteln man dies erreicht.
  • Die AGJ kann als Katalysator für diesen neuen Prozess agieren.

 

Dokumentation

Die Ergebnisse des Fachgespräches werden über verschiedene Wege (AGJ-Vorstand, AGJ-Fachausschüsse) in den Fachdiskurs der Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe eingespeist. Zudem werden sowohl der Bericht als auch die Vorträge auf einer Unterseite der AGJ-Homepage veröffentlicht. Darüber hinaus ist es angedacht, die wichtigsten Forschungsergebnisse der Referierenden im Rahmen eines Schwerpunktthemas im FORUM Jugendhilfe (Ausgabe 3/2015) zu veröffentlichen.

Aktuelle Neuerscheinung

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FORUM JUGENDHILFE 3/2017

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