Kinder- und Jugendarmut in Corona-Zeiten

Am 02. Juni 2022 fand das dritte „Transfer-Frühstück“ des Projekts „Transfer-Talks: Kinder- und Jugendhilfe nach Corona“ der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ statt. Im Rahmen dieser digitalen Veranstaltungen werden innerhalb einer Frühstückslänge neue Forschungsergebnisse zu einem Schwerpunktthema vor dem Hintergrund der Auswirkungen der Corona-Pandemie vorgestellt und diskutiert. Das dritte Transfer-Frühstück widmete sich den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Kinder- und Jugendarmut. Durch die Veranstaltung, an der etwa 135 Interessierte teilnahmen, führte die Erziehungswissenschaftlerin und Podcasterin Katrin Rönicke.

Grußwort der AGJ-Vorsitzenden

Die AGJ-Vorsitzende Prof.‘in Dr. Karin Böllert begrüßte die Teilnehmenden des dritten Transfer-Frühstücks und führte aus, dass Armut ein Thema sei, dass viele Fachkräfte in ihrer täglichen Arbeit betreffe. Trotzdem wisse man nicht vollumfänglich, was Armut genau mit Menschen macht. Die Corona-Pandemie habe dazu beigetragen, dass der Blick für armutsbetroffene Personen geschärft wurde und dass diejenigen, die in Armut leben, tiefgreifender von der Pandemie betroffen seien als Menschen mit größeren finanziellen Ressourcen. Seit den 80er Jahren sei der Anteil der Armen, aber auch der Reichen größer geworden, was zu einer Zuspitzung von gesellschaftlichen Spaltungstendenzen führe. Die Wahrscheinlichkeit, aus einer Lebenslage in Armut heraus einen sozialen Aufstieg zu erleben, sei in den letzten Jahren deutlich gesunken. Eine der zentralsten Herausforderungen der Kinder- und Jugendhilfe sei somit der Umgang mit Menschen, die wenig Teilhabechancen haben und Ausgrenzung erleben sowie dazu beizutragen, dass diese Menschen aus der Armut heraustreten können.

Input 1 – Prof. Dr. Johannes Schütte (TH Köln)

Prof. Dr. Johannes Schütte von der Technischen Hochschule Köln berichtete in seinem Vortrag von Armut und sozialem Aufstieg aus der Subjektperspektive. Er stellte Auszüge aus der qualitativen Begleitforschung zum Sechsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung vor. Die Begleitforschung dient der besseren Erfassung der Mehrdimensionalität, der inter- und intragenerativen Dynamik und der subjektiven Dimension sozialer Lagen. Dieser Vortrag fokussierte die subjektive Wahrnehmung sozialer Mobilität und zeigte Bewältigungskonstellationen auf. Schlussfolgernd dieser Forschung stellte Prof. Dr. Schütte fest, dass Hilfsangebote und Systeme in Zeiten von Corona u. a. zugänglicher, „passgenauer“ und bedürfnisgerechter gestaltet werden können, indem eine bessere Verzahnung der Leistungssysteme im Übergangs- und Schnittstellenmanagement hergestellt wird; durch bereichsübergreifende Kooperation, Koordination und Vernetzung; sowie durch die Bereitstellung von „Ankerpersonen“, die eine lebensbegleitende Beratung und Betreuung leisten.

Input 2 – Dr.‘in Irina Volf (Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V.)

Anschließend berichtete Dr.‘in Irina Volf, Bereichsleiterin Armut beim Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e. V., von den Auswirkungen von Armutserfahrungen im Kindes- und Jugendalter auf die Bewältigung der Corona-Krise. Die AWO-ISS Langzeitstudie zu Kinderarmut, welche seit 1997 Erhebungen durchführt und mittlerweile aus sechs Erhebungsphasen besteht, zeigte, dass Armutsbewältigung keine genuine Entwicklungsaufgabe beim Übergang ins junge Erwachsenenalter ist. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die Langzeitfolgen der (Kinder-)Armut verstärkten sich zirkulär; die Übergangsmuster bestimmen dabei maßgeblich, ob und wie die Krise bewältigt wird.

Ableitend von den Forschungsergebnissen gelang es dem Forschendenteam, Handlungsempfehlungen für die Praxis zu generieren, durch die Armutsfolgen reduziert werden könnten. Dr.‘in Volf berichtete in diesem Zusammenhang, dass Armutssensibilität zu fördern bleibe, da es eine gesamtgesellschaftliche Querschnittssaufgabe sei. Ziel sei, mit Hilfe der Handlungsempfehlungen die Belange Armutsbetroffener bei gesellschaftspolitischen Entscheidungen stets berücksichtigen zu können und Fachkräfte, die mit armutsbetroffenen Menschen arbeiten, auf die Auswirkungen ihres eigenen Handelns aufmerksam zu machen.

Diskussion

Bezugnehmend auf den ersten Input von Prof. Dr. Schütte kam in der anschließenden Diskussion die Frage nach dem Umgang mit „Verharrenstendenzen“ in Armut auf. Kritisiert wurde vom Plenum, dass dies darauf schließen ließe, die Situation könne selbstgewählt sein. Prof. Dr. Schütte wies dies zurück, denn es gebe keinerlei Hinweis darauf, dass armutsbetroffene Menschen in dieser Lage bleiben wollen bzw. dies als selbstgewähltes Schicksal wahrnehmen. Jedoch nehme er ein notgedrungenes Annehmen der Umstände wahr, das zu „Verharrenstendenzen“ führen könne. Dies deute eher auf den Versuch, das Beste aus der Situation zu machen. 

Nach dem Input von Dr.‘in Volf diskutierte das Plenum über die Relevanz verschiedener Rahmenbedingungen von Projekten, die Armut von Kindern und Jugendlichen behandeln. Es bestehe die Hoffnung, durch ein Modellprojekt praktisch aufzuzeigen, was gemacht werden könne. Es brauche die Mithilfe aller, um jungen Menschen zu helfen, u. a. bei praktischen Dingen wie der Eröffnung eines Bankkontos. Denn dieses Wissen gelange schnell an Menschen in gefestigten Verhältnissen, jedoch weniger an Menschen in Armut.

Ausblick

Eine Übersicht zu den Themenschwerpunkten der Podcast-Folgen, im Rahmen derer Vertreter*innen aus Wissenschaft und Praxis zu den jeweiligen Themen ins Gespräch kommen, finden sich hier

Das Projekt „Transfer-Talks“ wird im Rahmen von AUF!leben – Zukunft ist jetzt. gefördert. AUF!leben – Zukunft ist jetzt. ist ein Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Programm ist Teil des Aktionsprogramms Aufholen nach Corona der Bundesregierung.

Wir danken an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich unseren Referierenden für die wertvollen Inputs sowie allen Teilnehmenden für das große Interesse und die rege Beteiligung!