Forschungsbedarfe mit Blick auf Geflüchtete im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe

Diskussionspapier der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ

Positionspapier als PDF

Einleitung

Die Anzahl der Menschen, die im Zuge von Flucht nach Deutschland gelangt sind, ist seit einiger Zeit wieder deutlich rückläufig[1], obwohl sich an den Fluchtursachen selbst nichts zum Besseren verändert hat. Vielmehr scheint es politisch gelungen zu sein, die Fluchtwege nach Deutschland wieder stärker zu schließen und die Flüchtenden in der Türkei, in Griechenland, in Italien, im Libanon, in Jordanien oder in nordafrikanischen Staaten zu halten. Unabhängig davon, wie sich die Anzahl der Menschen, die in Deutschland ankommen, entwickelt, steht die Kinder- und Jugendhilfe jedoch vor der Aufgabe, den Kindern, Jugendlichen und ihren Familien die ihnen zustehenden Leistungen nach dem SGB VIII zukommen zu lassen und den Kinderschutz zu verwirklichen.[2] Beides ist angesichts der konkreten Lebensbedingungen von geflüchteten Familien und unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten (UmA)[3] keine einfache und in ihrer Spezifität z. T. auch neue Aufgabe und bedarf besonderer Bemühungen. So sind zum Beispiel die Alltagsbedingungen in vielen Gemeinschaftsunterkünften keine Orte, die ein kind- bzw. jugendgerechtes Aufwachsen ermöglichen, geschweige denn Kinderschutzanforderungen gerecht werden.
Die Lebenslagen geflüchteter junger Menschen und ihrer Familien sind eingespannt zwischen unterschiedlichen Rechtssystemen – z. B. zwischen internationalem Recht (UN-Kinderrechts-konvention), Familienrecht, Jugendhilferecht sowie asyl- und ausländerrechtlichen Regelungen. Dies birgt in der Komplexität enorme, zum Teil auch differente, fachliche Herausforderungen für die Mitarbeitenden in der Kinder- und Jugendhilfe. Diese müssen priorisiert und abgewogen werden und erfordern zusätzliche Kooperationen (z. B. mit Ausländerbehörden, Rechtsbeiständen, Dolmetschern bzw. Sprachmittlern, dem DRK-Suchdienst und dem Gesundheitswesen), um den eigenen Auftrag gut erfüllen zu können. Zusätzlich verlangen auch die in manchen Dimensionen radikal anderen Lebenslagen dieser Zielgruppe nach konzeptionellen Reflexionen und Anpassungen. Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen: Wenn Fragen der sexuellen und geschlechtlichen Identität, der religiösen Orientierung oder politischen Verfolgung wesentliche Fluchtgründe darstellen, stellt sich die Frage, inwiefern die bestehenden Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe in der Lage sind, ein angemessenes Umfeld zu bieten und die Angebote angemessen pädagogisch ausgestaltet sind oder ob es hier anderer bzw. ergänzender Perspektiven und Erweiterungen bedarf.

Viele etablierte Angebote der Kinder- und Jugendhilfe (z. B. Kindertagesbetreuung, Jugendarbeit, Elternbildung, Hilfen zur Erziehung) bieten Chancen zur Vernetzung und damit auch zur Integration mit den Menschen, die bereits hier leben. Welche hohe Bedeutung und welche entlastende Wirkung solche alltäglichen Kontakte haben können, wenn sie denn frei von Rassismus und Diskriminierung sind, deutet sich zum Beispiel in den Ergebnissen des Projektes „Unbegleitete und begleitete minderjährige Flüchtlinge“[4] an: Jugendliche formulieren ihren Wunsch nach Peerbeziehungen mit Menschen ohne Fluchterfahrung, da sie diese für essentiell hinsichtlich ihrer Integration in Deutschland halten und Peerbeziehungen für sie einen großen symbolischen Wert besitzen. Die gesamtgesellschaftliche Aufgabe der interkulturellen Öffnung relevanter Institutionen und eine entsprechende Sensibilisierung aller Akteure sowie die Ermöglichung der Integration Geflüchteter gleichermaßen zu erreichen, ist eine Aufgabe, deren Erfüllung keine punktuelle, sondern eine langfristige Perspektive erfordert und die Kinder- und Jugendhilfe noch für längere Zeit nachhaltig beschäftigen wird.
Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ hat sich entschieden, sich in diesem Papier auf Flucht als spezielle Form der Migration, die sich von anderen Migrationsformen unterscheidet, zu fokussieren. Diese Entscheidung wurde insbesondere deshalb getroffen, weil diese Zielgruppe mit besonderen Restriktionen hinsichtlich der Verwirklichung ihrer Rechtsansprüche entlang unterschiedlicher Rechtsgebiete sowie mit besonderen Belastungen (z. B. Fluchterfahrung und unsicherer Aufenthaltsstatus) umzugehen hat. Andere Migrationsformen, z. B. Arbeitsmigration, erfolgen in der Regel „freiwillig“ und geplant, während Flucht unfreiwillig, häufig ungeplant und in aller Regel unter großen Risiken erfolgt.[5]
Dabei stellen sich aus forschungsbezogener Perspektive diese Herausforderungen und Fragen in doppelter Hinsicht: Zum einen entlang von Differenzen bzw. spezifischen Fragen mit Blick auf die Gruppe der Geflüchteten gegenüber anderer „bisheriger“ Zielgruppen und zum anderen in gleicher Weise bzgl. der Gemeinsamkeiten bzw. gemeinsamen Fragen und Herausforderungen dieser unterschiedlichen Gruppen. Dabei gilt ebenfalls zu berücksichtigen, dass keine der beiden Gruppen, nämlich die der Geflüchteten und die der „Bisherigen“, homogen ist.

Mit diesem Diskussionspapier möchte die AGJ die in den letzten Jahren begonnenen Forschungsbemühungen sichtbar machen, in denen Lebenssituationen und Problemstellungen von geflüchteten Kindern, Jugendlichen und ihren Familien untersucht werden. Ausgehend von Thematisierungen und Problematisierungen im Kontext der Arbeit mit Geflüchteten in der Kinder- und Jugendhilfe werden die zentralen Themen und die Ausrichtung aktueller Forschungsprojekte dargestellt, um auf dieser Basis herauszuarbeiten, welche Forschungslücken bzw. weitere Forschungsbedarfe zu benennen wären. Entlang der Dynamik von Entwicklungen und Forschungsbemühungen kann dabei kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Vielmehr geht es darum, Aspekte und Eckpunkte für eine weiterführende und vertiefende Diskussion zur Verfügung zu stellen und anzuregen.

Themen, Problemstellungen und Herausforderungen in der aktuellen Praxis der Arbeit mit geflüchteten Kindern, Jugendlichen und ihren Familien

Vor dem Überblick über aktuelle Forschungen werden eine Reihe von Themen, Herausforderungen und Problemstellungen formuliert, die sowohl aus einer eher theoretischen sowie von konkreten Praxiserfahrungen angeregten Perspektive in der Arbeit mit geflüchteten Familien, Kindern und Jugendlichen hinsichtlich ihrer individuellen Lebenslagen als auch in ihrer Bedeutung für die Kinder- und Jugendhilfe besonders relevant erscheinen und in den aktuellen Debatten unterschiedlich thematisiert werden.

  • Themen mit Bezug auf individuelle Lebenslagen

Mit Blick auf die sehr heterogenen Gruppen geflüchteter Kinder, Jugendlichen und Familien und ihrer jeweils individuellen Lebenslage stellt sich die Frage, ob und welche Veränderungen möglicherweise in der Kinder- und Jugendhilfe erforderlich sind, um bedarfsgerechte Angebote anbieten zu können. Hierfür bedarf es systematisches und differenziertes Wissen über die Lebenssituationen dieser Gruppen. Dabei stellen sich unter anderem Fragen danach: Welche besonderen Belastungen sind mit den konkreten Fluchterfahrungen verbunden? Welcher Kompetenzerwerb geht auch mit diesen Fluchterfahrungen einher und welche Anerkennung erfahren diese? Welche Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung hat ein Leben in Gemeinschaftsunterkünften? Auf welche Weise können Aktivitäten von Seiten der Kinder- und Jugendhilfe dazu beitragen, eventuell negative Auswirkungen abzumildern? Welche Belastungen entstehen durch den häufig unklaren und unsicheren Aufenthaltsstatus? Was bedeutet es, wenn auch Deutschland nicht als sicherer Ort erlebt wird? Wie gehen Kinder, Jugendliche und ihre Eltern mit den Erfahrungen zu polizeilichen Aktionen (z. B. Abholung zur Abschiebung in den Morgenstunden) um? Wie wird die Abwesenheit von Familie unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter aus Sicht der Betroffenen thematisiert? Wie werden Angebote der Kinder- und Jugendhilfe von den Geflüchteten wahrgenommen? Bei aller Notwendigkeit, die jeweilige Lebenslage individuell zu beschreiben und zu verstehen, ist zu problematisieren, dass der Blick auf die individuellen Lebenslagen häufig ausschließlich in Differenz zu bisherigen Zielgruppen der Kinder- und Jugendhilfe erfolgt. Dies reicht jedoch nicht aus, um die individuellen Lebenslagen zu verstehen.

Um die individuellen Lebenslagen zu verstehen und dabei gleichzeitig eine Separierung von spezifischen Zielgruppen zu vermeiden, geht es auch darum, dass die bereits „bekannten“ Fragen, die sich an die Lebenslagen von Kindern, Jugendlichen und deren Familien stellen, nicht aus dem Blick verloren werden bzw. auch für die Gruppen der Geflüchteten zutreffen können. In gleicher Weise gilt es, bereits vorhandenes Wissen dahingehend zu überprüfen, inwiefern es für die Zielgruppe der Geflüchteten von Relevanz ist und für die Ausgestaltung von Angeboten genutzt werden kann (z. B. das Wissen um die Unsicherheiten in der elterlichen Erziehung und daraus entstandener Angebote). Es geht somit darum, jeweils individuell das Besondere der Lebenssituation als Geflüchtete zu würdigen und gleichzeitig Kinder als Kinder, Jugendliche als Jugendliche und Familien als Familien zu verstehen.

  • Spezielle Problemstellungen in ihrer Relevanz für die Kinder- und Jugendhilfe

Die Kinder- und Jugendhilfe hat aufgrund ihres gesetzlichen Auftrages, förderliche Bedingungen des Aufwachsens herzustellen, generell einen sehr umfassenden Handlungsauftrag. Dies gilt insbesondere für Zielgruppen, die mit vielfältigen Belastungen und Ausgrenzungen zurechtkommen müssen. Deshalb ist die Kinder- und Jugendhilfe hinsichtlich vieler Fragestellungen, die geflüchtete Menschen betreffen, gefordert, sich selbst zu positionieren. Am Beispiel der Schule lässt sich dieses veranschaulichen: Zuallererst ist es Aufgabe der Schulen, sich in ihren Unterrichtsformen und -konzepten so weiterzuentwickeln, dass Kinder und Jugendliche, die im Rahmen von Fluchtbewegungen nach Deutschland kommen und kamen, in das Bildungssystem integriert werden und zuvörderst möglichst schnell die deutsche Sprache lernen. Die Kinder- und Jugendhilfe ist dabei immer dann involviert, wenn es sowohl bei der Vorbereitung auf Schule als auch zur Förderung des Schulerfolgs zusätzlich außerschulische Unterstützungsbedarfe gibt. Diese Aufgabenstellung gilt insbesondere auch bei den Kindern und Jugendlichen, die mit ihren Eltern oder anderen erwachsenen Bezugspersonen in Deutschland leben. Vor diesem Hintergrund sowie mit besonderem Blick auf die Rolle bzw. das Selbstverständnis der Kinder- und Jugendhilfe bei der Ausgestaltung der steigenden Anzahl offener Ganztagsangebote stellen sich exemplarisch auch hier eine Reihe von Fragen: Wer sind angemessene Kooperationspartner, was sind geeignete Kooperationsformen und was sind dabei gemeinsame sowie spezifische Ziele und Aufgaben, um hier zu guten und nachhaltigen Angeboten zu kommen?

Dabei steht die Kinder- und Jugendhilfe entlang unterschiedlicher Handlungsfelder vor der Herausforderung, eigene Grenzen zu klären, d. h. welche Aufgaben muss und welche sollte die Kinder- und Jugendhilfe hierbei übernehmen. Ist es z. B. Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe, Sprachkurse zu organisieren, damit die Gruppen, die beispielsweise von Angeboten des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ausgeschlossen sind (z. B. weil ihnen keine Bleibeperspektive vorhergesagt wird), auch einen Zugang zur deutschen Sprache haben? Welche Rolle spielen die mitgebrachten Qualifikationen und Bildungsverläufe der Geflüchteten und wie können non-formal und informell erworbene Kompetenzen Anerkennung finden? Wie kann und sollte sich die Kinder- und Jugendhilfe hier einbringen?[6]
Daran anschließend sowie mit Bezug auf die individuellen Lebensverläufe und -lagen stellen sich Herausforderungen an die Kinder- und Jugendhilfe in doppelter Weise:
Zum einen helfen die bisherigen, teilweise sehr unterschiedlichen Lebens- und Sozialisationserfahrungen derjenigen, die im Rahmen von Fluchtmigration nach Deutschland gekommen sind, bei der Orientierung in der deutschen Gesellschaft nur bedingt. So findet sich in einem aktuellen Bericht aus Niedersachsen in Bezug auf UmA dazu folgende Aussage: „Die jungen Menschen sind in eine andere Herkunftskultur mit den darin geltenden Rollenkonzepten und Regeln sozialisiert. Sie treffen in der Lebensphase der Adoleszenz, in der sie auf der Suche nach sich selbst sind, auf eine neue Kultur und Umwelt, deren Codes und Regeln ihnen oftmals unbekannt sind. Es ergibt sich so etwas wie eine doppelte Integrationsaufgabe, nämlich die Unterstützung bei der Weiterentwicklung ihres Selbstkonzeptes unter den veränderten Bedingungen und der Suche nach Platz und Perspektive in der neuen Gesellschaft.“[7]. Dies trifft selbstverständlich auch auf Jugendliche zu, die nicht alleinreisend sind. Auch für Eltern oder andere Erziehungspersonen können diese Veränderungen große Herausforderungen darstellen, für deren Bewältigung spezifische Unterstützungsangebote hilfreich sein können. Anderseits haben viele jungen Menschen und ihre Familien während der Flucht Überlebenskompetenzen entwickelt bzw. Kinder und Jugendliche haben ein Ausmaß an Selbstständigkeit entwickeln müssen, das ausgeprägter ist als bei altersgleichen Kindern und Jugendlichen. Darauf gilt es mit Anerkennung und bedarfsgerechten Angeboten zu reagieren. Dies darf jedoch auf keinen Fall mit einem generellen Absenken der Standards gleichgesetzt werden. Hier gilt die Herausforderung, dass integrative Angebote diese doppelte Perspektive aufnehmen.

Eine weitere besondere Problemstellung, die sonst im Handeln der Kinder- und Jugendhilfe eine eher geringe bzw. überhaupt keine Rolle spielen dürfte, ist jene, die sich im Prozess von Familienzusammenführungen stellt. Die Familienzusammenführung kann bei UmA der Nachzug von Eltern und Geschwistern, bei Eltern und Familien der Nachzug von Kindern selbst oder Elternteilen bedeuten. Inwiefern die Kinder- und Jugendhilfe hierbei auf Konzepte und Erfahrungen aus den stationären Hilfen zur Erziehung, insbesondere bezüglich der Gestaltung von Übergängen (z. B. von der Einrichtung in die Familie, von der Gruppe ins betreute Einzelwohnen), zurückgreifen kann, bliebe noch zu klären. Mit Blick auf Konzepte, Angebote und Strukturen stellt sich dabei auch die Frage, ob die bisher vorhandenen familienergänzenden Hilfen und sozialen Unterstützungssysteme auf die mit einer Familienzusammenführung verbundenen Aufgaben hinreichend vorbereitet sind oder ob es neuer Konzepte und Angebote bedarf.
Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, sind häufig vielfach belastet und zum Teil auch schwer traumatisiert. Bestehende Beratungs- und Unterstützungsangebote sind für sie häufig aufgrund vielfältiger Barrieren (fehlende Sprachkenntnisse, Finanzierungsschwierigkeiten, mangelnde Kenntnis des Systems) kaum zugänglich. Spezialisierte Angebote gibt es bisher nur vereinzelt.[8] Auch für die Fachkräfte in Regeleinrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe stellt sich die Frage, ob die vorhandenen Konzepte einer traumapädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen den Problemstellungen geflüchteter Menschen ausreichend gerecht werden. Vor diesem Hintergrund ist die Aufgabe herauszuarbeiten, welches spezifische Wissen und welche spezifischen Kompetenzen Fachkräfte im Erkennen und im Umgang mit Traumatisierungen der geflüchteten Menschen benötigen.

  • Aktuelle Herausforderungen bezüglich der Entwicklung der Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe

Rückt man die Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe in den Mittelpunkt, so stellt sich als erster Aspekt insbesondere die Frage, ob die Angebote, die Personalausstattung, die Qualifizierung der Fachkräfte, die fachlich-inhaltlichen Konzepte und die Handlungsmöglichkeiten der anstehenden Aufgabe angemessen sind. Antworten hierauf sind sowohl auf einer überregionalen, mithin grundsätzlichen Ebene, als auch für spezifische regionale Kontexte und unterschiedliche Bedarfslagen zu beantworten. Denn eine grundsätzliche Offenheit einzelner Angebote der Kinder- und Jugendhilfe garantiert noch nicht, dass es vor Ort nicht doch erhebliche Zugangsbarrieren gibt. Denn gerade bei der sehr heterogenen Zielgruppe von Menschen mit Fluchterfahrung – seien es UmA, begleitete Kinder und Jugendliche oder Familien -, die über kein oder nur geringes Wissen über die Kinder- und Jugendhilfe verfügt, ist nicht zu erwarten, dass sie von sich aus Unterstützung bei Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe sucht. Eine stetige und möglichst konkrete Information über die Möglichkeiten und den Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe erscheint deshalb erforderlich. Fragen der interkulturellen Öffnung der Angebote und Dienste der Kinder- und Jugendhilfe, der Erreichbarkeit der Angebote und des Wissens über die Angebote auf Seiten der Geflüchteten sind deshalb systematisch aus einer Strukturentwicklungsperspektive heraus zu hinterfragen. Dies ist zu ergänzen um Strategien zur Förderung der sozialen Einbindung (bei Jugendlichen insbesondere in Peergruppen), der Ermöglichung von Zugängen zu beruflichen Qualifikationen und der Unterstützung hinsichtlich der Alltagsorganisation.
Interkulturelle Öffnung bedeutet aber auch zu fragen, inwiefern Vorurteile in der Kinder- und Jugendhilfe (d. h. bei den Fachkräften selbst), gegenüber Geflüchteten, spezifischen Lebenslagen und Geschlechterrollen, Barrieren darstellen.
Ein zweiter Aspekt hinsichtlich struktureller Entwicklungen sind Fragen bezüglich neuer Kooperationsnotwendigkeiten, die sich insbesondere in der Arbeit mit UmA ergeben. So bedarf es innerhalb der Jugendämter einer engeren Verknüpfung mit den Vormündern, die sich zudem in ausländerrechtlichen Fragen weiterbilden müssen. Eine Zusammenarbeit mit Ärzten in Bezug auf gesundheitliche Gutachten für die Frage, ob ein Verteilungshemmnis vorliegt, muss ebenso etabliert werden wie Kooperationen, die einen Übergang in die Hilfesysteme nach der Kinder- und Jugendhilfe auf eine Art und Weise ermöglichen, die die bisher erreichten positiven Entwicklungen nicht gefährden. Zudem besteht sicherlich ein Bedarf nach Weiterbegleitung über das 18. Lebensjahr hinaus, der ggf. über die bisherigen Erkenntnisse und Erfahrungen aus der Care Leaver-Debatte hinausgeht. Darüber hinaus ergeben sich auch neue Kooperationen in der Zusammenarbeit mit ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützern im Feld der Flüchtlingsarbeit, wobei sich insbesondere mit Blick auf das hohe Engagement von Ehrenamtlichen die Frage nach dem Verhältnis von Ehrenamt und Professionellen in besonderer Weise stellt.

Ein dritter Aspekt bezieht sich auf die Abstimmung kommunaler und lokaler Entwicklungen, also auf die Frage, inwieweit die Kinder- und Jugendhilfe in die Stadt- bzw. Regionalplanung einbezogen wird und wie sehr sie sich auch von sich aus bemüht, hier einen Einfluss zu gewinnen. Dabei geht es u. a. um die Frage, wie die Infrastrukturentwicklung (z. B. Schaffung von Wohnraum) mit sozialraumorientierten Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe (Familienzentren, Anlauf- und Begegnungsstellen, Familienberatung etc.) zusammengeht.

Ganz grundsätzlich stellt sich die Frage, welche Angebote und Strukturen für geflüchtete Kinder, Jugendliche und Familien als Zielgruppen passen, welche inhaltlichen und methodischen Modifikationen vorgenommen werden sollten und an welchen Punkten passgenauere Strukturen entwickelt werden müssen. Hierfür erscheint es auch naheliegend, die bisher entwickelten Beteiligungsverfahren und -strategien hinsichtlich des Einbezugs von Adressatinnen und Adressaten in Entscheidungsfindungsprozesse zumindest kritisch zu reflektieren und auf den Prüfstand zu stellen.

Forschungsprojekte und Forschungsbefunde zu Fragen rund um Flucht mit einem Bezug zur Kinder- und Jugendhilfe

Im letzten Jahr sind vermehrt fluchtbezogene Fragestellungen im Rahmen von Forschungsprojekten und Berichterstattungen aufgegriffen worden. Dies gilt nicht nur für Fragen, die für die Kinder- und Jugendhilfe von besonderem Interesse sind, sondern ganz allgemein, wie sich auf der Seite des Netzwerks Flüchtlingsforschung[9] oder auch an den Presserklärungen zur Gründung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) nachvollziehen lässt. Ohne dass es in diesem Rahmen möglich ist, einen vollständigen Überblick über die bearbeiteten oder sich in Bearbeitung befindlichen Forschungsfragen geben zu können, lassen sich doch Trends erkennen, die hinsichtlich der Nichtthematisierung bestimmter Fragen auch Hinweise auf Forschungslücken geben, aus denen sich Anregungen ableiten lassen, wie diese abgebaut werden können. Dabei wird im Folgenden insbesondere auf diejenigen abgezielt, die einen engen direkten oder indirekten Bezug zu Fragen der Kinder- und Jugendhilfe aufweisen.

  • Lebenslage und Lebenssituation als dominantes Forschungsthema

Ein relativ großer Anteil der Forschungsprojekte, die in den letzten Jahren zu den Themen rund um geflüchtete Menschen begonnen wurden, befasst sich mit den Lebenslagen und der aktuellen Lebenssituation dieser Gruppen. Zu nennen sind beispielsweise „WELLCOME - Junge (Flucht-)Migranten aus Syrien“[10]; „Unbegleitete und begleitete geflüchtete Jugendliche – Lebenslagen und Integrationsprozesse aus der Perspektive junger Geflüchteter“[11], „KINDHEIT IM WARTEZUSTAND – Alltag von geflüchteten Kindern in Deutschland“[12], „Angekommen in Deutschland - Wenn geflüchtete Kinder erzählen“[13] oder „Young Refugees NRW“[14]. Neben den auf Kinder und Jugendliche bezogenen Studien gibt es auch solche, die sich speziell mit der Lebenssituation von Frauen[15] oder ganz allgemein von Geflüchteten[16] befassen und darüber hinaus auch Themenbereiche beschreiben, die für die Kinder- und Jugendhilfe von Interesse sind. Diese Studien unterscheiden sich in ihren Fragestellungen, in ihren forschungsmethodischen Anlagen sowie ihrer regionalen Reichweite erheblich (z. T. beziehen sie sich nur auf wenige ausgewählte Städte, zum Teil auf einzelne Bundesländer oder versuchen bundesweit gültige Aussagen zu treffen). Da etliche dieser Projekte noch nicht abgeschlossen sind, können die Ergebnisse auch noch nicht systematisierend zusammengefasst werden. Deutlich aus den Zwischenberichten und den zusammenfassen-den Expertisen sowie Veröffentlichungen wird jedoch, dass die Lebenssituation vieler geflüchteter Kinder, Jugendlicher und Familien von hohen Belastungen geprägt ist. So führt die ausländerrechtliche Logik vielfach zu erheblichen Belastungen im Alltag (Angst vor nächtlichen Abschiebungen, Residenzpflicht, Gemeinschaftsunterkünfte, Arbeitsverbot), die bei einigen jungen Menschen auch deren Integration in den Arbeitsmarkt behindern.[17] Die Foki bei der Lebenslagenbeschreibung sind einerseits auf besondere Belastungen wie Fluchterfahrungen, Gesundheitszustand inklusive Traumatisierungen, fehlende Schutz- und Rückzugsmöglichkeiten in Gemeinschaftsunterkünften oder Folgen der rechtlichen Situation ausgerichtet, andererseits von Fragen der Integration in den Arbeitsmarkt dominiert. Auch Fragen, die sich auf die Zukunftsperspektiven der Geflüchteten beziehen, sind Gegenstand verschiedener Studien.[18]

  • Integration in den Arbeitsmarkt

Wie bereits im vorherigen Abschnitt angesprochen, befassen sich mehrere Studien auch mit der Frage, ob und wie eine Integration von geflüchteten Menschen in den deutschen Arbeitsmarkt gelingen kann. Diese Studien sind sowohl von der Idee getragen, dass eine Integration in den Arbeitsmarkt ein wichtiger Baustein für eine Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts darstellt und zum Wohlbefinden aller beitragen kann, als auch von einem Nutzenkalkül, aus dem heraus versucht wird, aus einer menschenrechtlichen Verpflichtung eine effiziente Strategie zur Mehrung des bundesdeutschen Wohlstands werden zu lassen, indem vorhandene Arbeitsmarktprobleme (z. B. Fachkräftemangel) durch zugewanderte Menschen abgemildert werden sollen. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Aspekte, die in den Studien bearbeitet werden: Mal geht es stärker darum, was Geflüchtete selbst tun können, mal geht es darum, welchen Beitrag das Bildungssystem leisten soll und kann[19], mal um die Möglichkeiten von Unternehmen, sich auf diese Zielgruppe einzustellen. Die IAB-BAMF-SOEP-Befragung[20] von Geflüchteten ist der Start für eine mittelfristig angelegte Sozialberichterstattung auf der Basis standardisierter Befragungen einer Stichprobe von Migrantinnen und Migranten, in der es neben Fluchtgründen insbesondere um die Bildungsbiografie und die Arbeitsmarktintegration der geflüchteten Menschen geht. Im Unterschied zum DJI-Übergangspanel, der Jugendliche in das Zentrum der Befragung rückt, werden in dieser Erhebung überwiegend Erwachsene befragt.

  • Bürgerschaftliches Engagement zugunsten von Geflüchteten und Einstellungen gegenüber diesen

Die öffentliche Aufmerksamkeit für Zuwanderung aufgrund von Flucht[21] hat auch zu Studien geführt, die nicht die geflüchteten Menschen, sondern die Reaktionen der bereits in Deutschland lebenden Bevölkerung zum Thema machen. Einerseits wird untersucht, welche Personen sich warum engagieren und welche Unterstützung sie sich für ihr Engagement erhoffen[22] sowie, inwiefern die Geflüchteten davon profitieren[23]. Auch wird in einzelnen Studien untersucht, welche Bedingungen für ein Engagement zugunsten von Geflüchteten hilfreich sind[24]. Anderseits gibt es Studien, die die Einstellung der bereits hier lebenden Menschen zu neu Ankommenden erheben[25]. Dabei zeigt sich, dass bei allen kritischen Tönen zur Flüchtlingspolitik, eine große Mehrheit der Bevölkerung dem Grundsatz Schutz gewähren zu wollen, zustimmt[26], auch wenn die Zustimmung zu einer bedingungslosen Willkommenskultur abnimmt[27].

  • Unmittelbar jugendhilfebezogene Forschung

Aus einer Jugendhilfeperspektive heraus ist es bemerkenswert, dass sich nur wenige Forschungsprojekte explizit mit jugendhilfebezogenen Fragestellungen befassen, obwohl in der Fachdiskussion die Auseinandersetzung damit, wie die Kinder- und Jugendhilfe auf die vielfachen Herausforderungen reagieren soll, die mit der gestiegenen Anzahl an Zuwandernden verbunden sind, durchaus virulent ist. Zu den strukturbezogenen Studien gehören die Blitzumfrage bei Kindertagesstätten[28] sowie die in das Projekt „Jugendhilfe und sozialer Wandel“ integrierten Fragen in den Handlungsfeldern Jugendarbeit (Start Ende 2017) und bei Jugendämtern (Start Frühjahr 2018). Darüber hinaus wurden in einer Dissertation auch die Strategien und Deutungsmuster von Fachkräften untersucht[29]. Beschränkt auf das Land Nordrhein-Westfalen gibt es eine Untersuchung, die im Kontext der Jugendberufshilfe Veränderungsbedarfe und Herausforderungen, insbesondere in Bezug auf Kooperationen, analysiert[30]. Die Aktivitäten im Kontext der Berichtspflicht der Bundesregierung zur Situation von UmA in Deutschland (§ 42e SGB VIII) generieren in gewisser Weise auch empirische Daten zu Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe, wobei sie entsprechend ihres Auftrages weniger die Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe, als vielmehr die Lebenssituation der UmA in den Blick nehmen sollten. Auf Länderebene liegt inzwischen aus Brandenburg ein Bericht zur Unterbringungssituation aus der Perspektive der UmA selbst vor[31].

Identifizierung bisher unbeantworteter Forschungsfragen

Ausgehend von den bisherigen Ausführungen lassen sich entlang der formulierten Thematisierungen und Herausforderungen Forschungsfragen sowie explizite Forschungslücken identifizieren, deren Bearbeitung es im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe bedarf.

  • Zu individuellen Lebenslagen

Bezogen auf die individuellen Lebenslagen bedarf es einer lebenslagenbezogenen Forschung mit Menschen, die entweder gerade erst oder aber schon seit längerem im Rahmen einer Flucht nach Deutschland gekommen sind, und die sich umfassend und langfristig mit der Lebenssituation von Menschen nach der Flucht und den Möglichkeiten der gesellschaftlichen Integration befassen. Diesbezüglich sollten hinsichtlich der individuellen und spezifischen Lebenslagen der Zielgruppe der geflüchteten Kinder und Jugendlichen und ihren Familien folgende Fragestellungen bzw. Forschungsperspektiven bearbeitet werden:

  • Bedeutung der Herkunftsfamilie für die Perspektivenplanung; der Prozess und damit verbundene Dynamiken beim Familiennachzug; die Entwicklung der Rollen in der Familie, insbesondere ggf. geprägt durch die Fluchterfahrungen oder z. B. die Veränderungen bei UmA, wenn Sie über längere Zeit nicht in der Herkunftsfamilie gelebt haben;
  • Zur Wohnsituation: Erleben sowie Auswirkungen von Gemeinschaftsunter-künften für Kinder mit Angehörigen; Herausforderungen im Übergang von Wohnformen bei UmA;
  • Soziale Einbindung: Einbindung in Peergruppen, Freizeitverhalten, berufliche Perspektiven, (virtuelle) Vernetzung;
  • Frage nach grundsätzlichen Möglichkeiten der Teilhabe (Beteiligungsver-fahren);
  • Gestaltung von Übergängen in den Bildungs- und Unterstützungssystemen (Stichwort: Ausgrenzung vs. Eingliederung in Regelsysteme);
  • Kinderschutz, Sicherung des Kindeswohls, Förderung und Wohlbefinden;
  • Möglichkeiten der Prävention von Radikalisierungsprozessen.

Dabei ist es bedeutsam, wie die Lebenslage und damit verbundene Hilfs- und Beratungsbedarfe von den Geflüchteten selbst thematisiert werden. Sowohl bezüglich der Forschung zu individuellen Lebenslagen als auch zu Angeboten und Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe ist es daher unerlässlich, diese Studien nicht nur an den bisherigen inhaltlichen Konzepten, z. B. der lebenslagenbezogenen Forschung, anzulehnen, in dem etwa Fragen aus anderen Umfragen übernommen werden. Stattdessen sollten Forscherinnen und Forscher auch unter Beteiligung der geflüchteten Menschen selbst die für sie relevanten Dimensionen zur Beschreibung ihrer Lebenssituation identifizieren und diese in Erhebungen integrieren. Es gilt somit auch, Herausforderungen sowie Möglichkeiten partizipativer Forschungsansätze aufzunehmen.

  • Zu speziellen Problemstellungen sowie Angeboten und Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe

Diesbezüglich beschreibt das Resümee der Autorengruppe des Arbeitspapieres des Landes Niedersachsen zu dem Thema Unbegleitete Minderjährige in Niedersachsen[32] den nach wie vor bestehenden Forschungsbedarf sehr deutlich: „Fragen nach den spezifischen Bedarfen von Unbegleiteten Minderjährigen hinsichtlich ihrer Erziehung, Bildung, Verselbstständigung sowie ihrer physischen und psychischen Situation gilt es somit auch zukünftig in den Blick zu nehmen, um bedarfsgerechte Angebotsformen und Unterstützungen weiterentwickeln zu können. Das Thema der Kommunikation und Kooperation mit relevanten Schnittstellen ist in diesem Kontext von besonderer Relevanz“. Ähnliche Fragen lassen sich auch für begleitete Kinder und Jugendliche sowie Familien, die nach Deutschland gekommen sind, entlang der damit verbundenen Aufgaben, für die Ausgestaltung von Angeboten und die Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe unter Berücksichtigung bereits ausgewiesener spezifischer Problemstellungen formulieren. Um herauszufinden, was bedarfsgerechte Angebote und Strukturen sein können, wäre eine forschungsmäßige Bearbeitung folgender Themen- und Fragestellungen sicherlich hilfreich:

  • Analyse der Tragfähigkeit bisheriger Angebote und Strukturen sowie ggf. notwendiger Neuausrichtungen; z. B. Arbeit mit geflüchteten Mädchen, Unterstützung im Prozess der Familienzusammenführung;
  • Anforderungen an Fachkräfte, um Strategien in der fachlichen Arbeit mit dieser Zielgruppe sowie konzeptuelle Weiterentwicklungen zu fundieren, die stärker auf die spezifischen Lebenserfahrungen Rücksicht nehmen;
  • Qualifizierung von Freiwilligen und die Zusammenarbeit der Professionellen mit ehrenamtlichen Unterstützerinnen und Unterstützern im Feld der Flüchtlingsarbeit bedarf der Analyse des Verhältnisses dieser beiden Akteursgruppen sowie der Tragfähigkeit der sich daraus ergebenden neuen Kooperationen;
  • Wissen und Kompetenzen von Fachkräften im Kontext spezieller Problemstellungen (z. B. Umgang mit Traumatisierungen; Familienzusammenführungen);
  • Evaluationen zu unterschiedlichen Arbeitsansätzen mit Kindern, Jugendlichen und Familien in Gemeinschaftsunterkünften, z. B. hinsichtlich der „Elternbildungsarbeit“;
  • Absicherung der Hilfen für junge Volljährige;
  • Formen der Übergangsbegleitung und des Übergangsmanagements (inklusive möglicherweise erforderlicher rechtlicher Klarstellungen für junge Volljährige);
  • Stärkung kommunaler Jugendhilfeplanung mit Blick auf die spezifischen Bedarfe dieser Zielgruppe bei gleichzeitiger Öffnung und Ausgestaltung von bestehenden Angeboten und Strukturen;
  • Entwicklung von neuen Strategien der Netzwerkarbeit mit dieser Zielgruppe;
  • Analyse von Effekten auf alle Adressatinnen und Adressaten der Kinder- und Jugendhilfe, die durch die Ausweitung der Angebote auf junge Geflüchtete zum Tragen kommen;
  • Öffnung, Nutzungsverhalten und Kooperation der Einrichtungen an den Schnittstellen unterschiedlicher Systeme: Strukturbezogene Forschung sollte analysieren, inwiefern sich durch die neue Zielgruppe auch die Kooperationspartner der Kinder- und Jugendhilfe ändern (z. B. BAMF) und wie gut es der Kinder- und Jugendhilfe gelingt, in den hierdurch neu entstehenden Überlappungsbereichen ihre eigene Handlungslogik beizube-halten und so ihre Ziele auch erreichen zu können;
  • Untersuchung der Effekte einer starken Expansion von Angeboten für geflüchtete Jugendliche auf die organisationale Struktur der Jugendberufshilfe, zu denen bislang noch keine empirischen Daten vorliegen;
  • Rechtstatsachenforschung zur Umsetzung und Wirkung von rechtlichen Vorschriften (z. B. zur Berücksichtigung von Kindeswohlbelangen in der Entscheidungspraxis der verschiedenen Behörden, zur Familienzusammenführung, zum Verbot von Minderjährigenehen, zur Vormundschaft für unbegleitete Geflüchtete).

Eine interdisziplinäre Bearbeitung dieser unterschiedlichen Aspekte und eine Vernetzung mit empirischen Forschungen zu Menschen auf und nach der Flucht aus anderen Perspektiven (z. B. Gesundheitswissenschaften und Public Health, Recht, Soziologie oder Politikwissen-schaften), würde – so eine der hier zugrunde gelegten Annahmen – Anregungspotenzial für eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe entfalten. Dabei geht es zum einen darum, die für die Kinder- und Jugendhilfe relevanten Perspektiven in interdisziplinäre Forschungsvorhaben einzubringen und zu vertreten. Gleichzeitig ist es zum anderen bedeutsam, durch die Beteiligung der Handlungspraxis einen entsprechenden systematischen Transfer von Fragen und Wissensbedarfen aus der Praxis sowie von Erkenntnissen aus den Forschungsbemühungen in die Praxis partizipativ zu sichern.

Auch wenn in den letzten Jahren einige Forschungsaktivitäten begonnen haben, so zeigt sich doch, dass gesichertes Wissen zu einer Vielzahl von einzelnen Themen und Problemstellungen – siehe allein die hier aufgeführten exemplarischen Fragestellungen – fehlt. Insbesondere um Prozesse und Verläufe systematisch in den Blick zu nehmen, fehlen aktuell auch noch entsprechende, auf Längsschnittuntersuchungen ausgerichtete, Forschungs-projekte. Es ist also dringend geboten, dass Wege gefunden werden, weitere Forschungsprojekte in Bezug auf geflüchtete Kinder, Jugendliche und Familien sowie die Auswirkungen auf diese und die Veränderungsbedarfe in der Kinder- und Jugendhilfe selbst sowie darüber hinaus zu initiieren und zu fördern. Bund und Länder können hier neben Stiftungen wichtige Impulse für die Integration geflüchteter Kinder, Jugendlicher und ihrer Familien leisten.


Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ
Berlin, 07./08. Dezember 2017  

 

[1] Vgl. https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/flucht/218788/zahlen-zu-asyl-in-deutschland#Antraege ; Allerdings ist zu beachten, dass die Datenlage eine ganz genaue Bestimmung der Anzahl, der aktuell in Deutschland ankommenden und in Deutschland lebenden Geflüchteten sowie eine Abschätzung, wie viele davon Adressaten der Kinder- und Jugendhilfe sind, nicht zulässt. Die Anzahl der statistisch erfassten Asylanträge spiegeln eher die Arbeitsleistung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) als die Anzahl der in Deutschland angekommenen Personen wider.
[2] Siehe hierzu beispielsweise AGJ-Positionspapier „Qualifizierung und Qualifikation von Fachkräften mit Blick auf die Begleitung, Unterstützung und Integration von geflüchteten Familien und unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten“ vom 01./02. Dezember 2016, online abrufbar unter: https://www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2016/Qualifizierung_und_Qualifikation_von_Fachkr%C3%A4ften.pdf ; AGJ- Positionspapier „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – Bedingungen für nachhaltige Integration schaffen“, vom 30.06./01.07.2016, online abrufbar unter: www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2016/Positionspapier_Unbegleitete_minderj%C3%A4hrige_Fl%C3%BCchtlinge.pdf ; AGJ-Eckpunktepapier „Geflüchtete Kinder und Jugendliche sind Kinder und Jugendliche!“, vom 03./04. Dezember 2015, online abrufbar unter: www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2015/Eckpunktepapier_Junge_Fl%C3%BCchtlinge_in_Europa.pdf; AGJ-Positionspapier „Kind ist Kind! – Umsetzung der Kinderrechte für Kinder und Jugendliche nach ihrer Flucht“, vom 25./26. Juni 2015, online abrufbar unter: www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2015/Kind_ist_Kind.pdf ; AGJ-Stellungnahme „Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher vom 09. Juni 2015“, vom 25. Juni 2015, online abrufbar unter www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2015/AGJ-StN_RefE-Gesetz_auslaendische_Kinder_und_Jugendliche.pdf.
[3] Die früher gängige Bezeichnung „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UmF)“ ist mit dem Inkrafttreten des
Gesetzes zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher (Umverteilungsgesetz) vom 1. November 2015 durch den Begriff „Unbegleitete minderjährige Ausländer“ (UmA) ersetzt worden. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) hat diesen Schritt damit begründet, dass bei der Einreise Minderjähriger keineswegs erwiesen sei, ob es sich bei den jungen Menschen um anerkannte Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention handele. Die Änderung der Bezeichnung ist Gegenstand einer fachlichen Debatte.
[4] Vgl. Lechner, C./ Huber, A./ Holthusen, B. (2016): Geflüchtete Jugendliche in Deutschland. In: DJI-Impulse. Ankommen nach der Flucht. Wie Kindern und Jugendlichen der Neuanfang in Deutschland gelingt. Nr. 114, H. 3, S. 14-18.
[5] Vgl. Treibel, A. (2011): Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit und Flucht. Weinheim; München: Juventa.
[6] Siehe hierzu beispielsweise AGJ-Positionspapier „Berufliche Integration für alle zugewanderten Fachkräfte ermöglichen! – Zur Anerkennung von im Ausland erworbenen sozialpädagogischen Berufsqualifikationen“, vom 03./04. Dezember 2015, online abrufbar unter: www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2015/Berufliche_Integration_zugewanderte_Fachkr%C3%A4fte.pdf ; AGJ-Positionspapier „Formen der Anerkennung non-formalen Lernens in der Kinder- und Jugendhilfe“, vom 28./29. November 2013, online abrufbar unter: https://www.agj.de/fileadmin/files/positionen/2012/Non_Formales_Lernen.pdf.
[7] Vgl. Land Niedersachen (Hrsg.) (2017): Unbegleitete Minderjährige. In: Niedersachsen Landesjugendhilfepla-nung 2017, S. 87, online abrufbar unter https://www.ms.niedersachsen.de/service/publikationen/.
[8] Vgl. Schneck, U. (2018): Therapie und Beratung im Kontext von Flucht und Trauma. In: Bröse, J./ Faas, S./ Stauber, B. (Hrsg.): Flucht. Wiesbaden: Springer, VS, S. 173-189.
9 Vgl. fluechtlingsforschung.net.
[10] Vgl. www.iab.de/de/befragungen.aspx#wellcome.
[11] Vgl. www.dji.de/gefluechtete-Jugendliche.
[12] Vgl. https://www.unicef.de/blob/137704/053ab16048c3f443736c4047694cc5d1/studie--kindheit-im-wartezustand-data.pdf.
[13] Vgl. www.worldvision-institut.de/_downloads/allgemein/WorldVision_Fluchtstudie2016_web.pdf.
[14] Vgl. http://www.iss-ffm.de/lebenswelten/migration/357.Young_Refugees_NRW.html.
[15] Vgl. https://female-refugee-study.charite.de.
[16] Vgl. http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/RBS_SVR_Expertise_Lebenssituation_Fluechtlinge.pdf.
[17] Siehe hierzu beispielsweise die wiederholten Stellungnahmen von Wirtschaftsverbänden zur Notwendigkeit, die rechtlich mögliche Ausbildungsduldung auch umzusetzen, online abrufbar unter: www.arbeitgeber.de/www/arbeitgeber.nsf/res/92D521616910438CC1258155004118D9/$file/Stn-Integration-von-Gefl%C3%BCchteten.pdf oder http://www.fluechtlingsrat-brandenburg.de/aktuelles/gemeinsame-presseerklaerung-potenziale-gefluechteter-zur-fachkraeftesicherung-nutzen-zugang-zur-ausbildung-fuer-gefluechtete-personen-erleichtern
[18] Vgl. beispielsweise: www.2.hss.de/fileadmin/media/downloads/Presse/161011_Studie_Asysuchende.pdf
[19] Vgl. https://www.dji.de/ueber-uns/projekte/projekte/neu-zugewanderte-jugendliche-an-allgemeinbildenden-schulen.html.
[20] Vgl. http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Kurzanalysen/kurzanalyse5_iab-bamf-soep-befragung-gefluechtete.pdf;jsessionid=E45741FFD1B64BC915A2A20C9F9484DD.1_cid368?__blob=publicationFile.
[21] Vgl. http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Kurzanalysen/kurzanalyse5_iab-bamf-soep-befragung-gefluechtete.pdf;jsessionid=E45741FFD1B64BC915A2A20C9F9484DD.1_cid368?__blob=publicationFile, S.4.
[22] Vgl. http://www.lighthouse-welcome.org/wp-content/uploads/2015/11/Abschlussbericht_final_30.09.2015.pdf.
[23] Vgl. www.researchgate.net/profile/J_Kleist/publication/316514820_Bildungsarbeit_von_Ehrenamtlichen_in_der_Fluchtlingsarbeit_in_Deutschland/links/5901cbc74585156502a284a3/Bildungsarbeit-von-Ehrenamtlichen-in-der-Fluechtlingsarbeit-in-Deutschland.pdf.
[24] Vgl. http://www.netzwerk-buergerbeteiligung.de/fileadmin/Inhalte/PDF-Dokumente/newsletter_beitraege/3_2016/nbb_beitrag_gesemann_roth_161004.pdf.
[25] Vgl. https://www.si-ekd.de/download/Fluechtlingsstudie_SP_PW_final.pdf  oder http://hdl.handle.net/10419/141301.
[26] Auch in der zusammenfassenden Darstellung von Befunden seit 1980 von Schmidt und Weick wird deutlich, dass nur sehr Wenige den Zuzug völlig unterbinden wollen, siehe: http://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/51380/ssoar-isi-2017-57-schmidt_et_al-Kontakte_und_die_Wahrnehmung_von.pdf?sequence=1.
[27] Vgl. http://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/ikgblog/resource/ZuGleich-Kurzbericht_2016.pdf.
[28] Vgl. Riedel, B./ Lüders, K. (2016): Flüchtlingskinder in der Kita – Zugänge gestalten, Kooperationen stützen! KJug, 61. Jg., S. 138 (4/2016).
[29] Vgl. Von Oppen, J. (2017): Interkulturelle Soziale Arbeit zwischen Reproduktionszwang und Deutungsfreiheit. Eine empirische Studie zur Bedeutung der Differenzkategorie ‚Kultur‘. In: Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe. Berlin: Dissertation Freie Universität.
[30] Vgl. www.iaq.uni-due.de/iaq-forschung/2017/fo2017-04.pdf.
[31] Thomas, S./Sauer, M./ Zalewski, I. (2017): Unbegleitete minderjährige Geflüchtete. In: Brandenburg Evaluation der Unterbringungssituation unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter im Land Brandenburg mit Schwerpunkt auf die subjektive Sicht der Jugendlichen. FH Potsdam.
[32] Vgl. http://www.ms.niedersachsen.de/themen/kinder_jugendliche/landesjugendhilfeplanung/landesjugendhilfeplanung-101553.html, S. 97.