Veranstaltung „Aufwachsen in Krisenzeiten. Wie die psychische Gesundheit junger Menschen gestärkt werden kann – Ansätze von der EU bis zur lokalen Ebene“

Dokumentation zur Online-Fachveranstaltung „Aufwachsen in Krisenzeiten. Wie die psychische Gesundheit junger Menschen gestärkt werden kann – Ansätze von der EU bis zur lokalen Ebene“

Programm 

Nicht zuletzt durch das Zusammenkommen vieler Krisen – Klimawandel, Corona-Pandemie, Krieg in der Ukraine – ist das psychische Wohlbefinden vieler Menschen belastet. Dies gilt vor allem für Kinder und Jugendliche, die von den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie und den Auswirkungen des Klimawandels besonders betroffen waren bzw. sind. Dabei bedeuten psychische Belastungen nicht zwingend eine diagnostizierte psychische Erkrankung. Vielmehr leidet eine steigende Zahl junger Menschen unter Einsamkeit, Unsicherheit mit Blick auf die Zukunft und durch Furcht und Verlust hervorgerufene Sorgen- oder gar Angstzustände.

Es steht zu befürchten, dass sich die Situation infolge gesellschaftlicher, politischer und ökologischer Veränderungen in Zukunft weiter verschärft. Vor diesem Hintergrund hatte die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen im September 2022 in ihrer Rede zur Lage der Union eine neue Initiative zu psychischer Gesundheit angekündigt, die schließlich am 07. Juni 2023 vorgestellt wurde.

Dies nahm die AGJ zum Anlass, im Rahmen einer digitalen Fachveranstaltung zu erörtern, inwiefern Kinder und Jugendliche in der Strategie der Europäischen Kommission mitgedacht werden, welche Rolle die psychische Gesundheit junger Menschen in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland spielt, wie die entsprechende Infrastruktur ausgestattet ist und welche Lösungsansätze es in Deutschland und europaweit gibt.

Durch die Fachveranstaltung „Aufwachen in Krisenzeiten“ am 18. Oktober 2023, an der mehr als 220 Interessierte teilnahmen, führten Corinna Robertson-Liersch (Vertretung des Landes Niedersachsen bei der Europäischen Union) und Dorothee Ammermann (Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e. V.), die beide Mitglieder im AGJ-Fachausschuss II „Kinder- und Jugend(hilfe)politik in Europa“ sind.

Begrüßung durch Dr. Gabriele Weitzmann

Dr. Gabriele Weitzmann, Geschäftsführerin des Bayerischen Jugendrings und Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand der AGJ, begrüßte die Teilnehmenden und betonte die Relevanz des Themas psychische Gesundheit junger Menschen, da sich gerade während der Pandemie-Jahre eine zunehmende Zahl junger Menschen psychisch belastet gefühlt hätten. Dies könne nicht auf einen bestimmten Auslöser oder Umstände des Aufwachsens zurückgeführt werden, vielmehr seien auch junge Menschen aus einem vermeintlich stabilen, gut situierten Umfeld betroffen. Mit Blick auf die Versorgung und Unterstützung dieser jungen Menschen dürften gleichzeitig die Fachkräfte nicht aus dem Blick verloren werden, welche in Krisenzeiten ebenfalls fundamental herausgefordert seien. 

Junge Menschen und psychische Gesundheit – Grundlagen, Entwicklungen und jugendpolitische Ansätze

Präsentation

Video-Mitschnitt

Svenja Wielath, wissenschaftliche Referentin in der Arbeitsstelle Europäische Jugendpolitik beim Deutschen Jugendinstitut e. V., lieferte in einem ersten Input einen grundlegenden Überblick über das Thema psychische Gesundheit junger Menschen in Europa. Dazu verwies sie auf die Definition der WHO zu psychischer Gesundheit, wonach psychische Gesundheit ein Zustand des „Wohlbefindens“ ist, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und einen Beitrag zu ihrer Gemeinschaft leisten kann. Svenja Wielath betonte dabei allerdings einschränkend die wichtige Unterscheidung zwischen Gesundheit und Wohlbefinden. Gesundheit, einerseits, sei Selbststeuerung und Anpassung, die auf physiologischer, emotionaler, kognitiver sowie verhaltensbezogener Ebene bewertet werden könne. Das Wohlbefinden andererseits sei ein der Subjektivität unterworfenes psychologisches Konstrukt und lege einen Fokus auf erfahrene Aspekte.

Zu den psychischen Belastungen und Erkrankungen junger Menschen weltweit berichtete Svenja Wielath, dass junge Menschen (etwa 15 bis 30 Jahre) die Bevölkerungsgruppe mit dem höchsten Risiko der Entstehung und Inzidenz seien. 75 % aller psychischen Erkrankungen begönnen vor dem 25. Lebensjahr, etwa 50 % um das 14. Lebensjahr. Eine solche in der prägenden Entwicklungsphase Jugend entwickelte Störung könne langanhaltende Folgen für den gesamten weiteren Lebensverlauf haben. Besonders die Pandemie habe negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit junger Menschen gehabt. Nicht nur in Deutschland litten – insbesondere sozial benachteiligte – Kinder und Jugendliche vermehrt unter Sorgen, Ängsten und einer generellen Steigerung der psychischen Belastung. Auch internationale Studien zeigten einen großen Anteil junger hochbelasteter Menschen, die vor allem von Angststörungen und Depressionen betroffen seien, präpandemisch aber keine psychischen Auffälligkeiten aufgewiesen hätten.

Auf Nachfrage zu der im weltweiten Vergleich hohen Zahl an jungen Menschen in Deutschland, die Hilfsangebote in Anspruch genommen haben, erklärte Svenja Wielath, dass dies unterschiedliche Gründe haben könne. Eine mögliche Erklärung sei die Versorgungsstruktur, die eine Annahme von Begleitung und Angeboten überhaupt erst ermögliche.

Einführung zur Strategie für psychische Gesundheit der Europäischen Kommission

Im zweiten Input informierte Stefan Schreck, Adviser for Stakeholder Relations in der Generaldirektion SANTE bei der Europäische Kommission, über die Strategie zu psychischen Gesundheit der Europäischen Kommission. Schon vor der Pandemie hätten rund 84 Millionen Menschen in der EU unter psychischen Gesundheitsproblemen gelitten, und die Zahl sei mittlerweile weiter gestiegen. Vor diesem Hintergrund habe die Europäische Kommission am 07. Juni 2023 eine Mitteilung über eine umfassende Herangehensweise im Bereich der psychischen Gesundheit veröffentlicht, die die Europäische Gesundheitsunion um eine weitere Säule ergänze. In dieser umfassenden Herangehensweise setze die Kommission auf einen neuen strategischen Ansatz in Bezug auf psychische Gesundheit, der bereichsübergreifend sei und über reine Gesundheitspolitik hinausgehe. Im Mittelpunkt stünden sowohl Hilfe für psychisch bereits belastete Menschen als auch Vorsorgestrategien. Die drei Leitprinzipien seien:

  • Zugang zu angemessener und wirksamer Prävention,
  • Zugang zu hochwertiger und bezahlbarer psychischer Gesundheitsversorgung und Behandlung und
  • Möglichkeit der Wiedereingliederung in die Gesellschaft nach der Genesung.

Diese umfassende Herangehensweise nehme die psychische Gesundheit in Bezug auf alle Politikfelder in den Blick, um die vielseitigen Risikofaktoren für psychische Erkrankungen zu berücksichtigen. Die Mitteilung der Kommission stelle in verschiedenen Schwerpunktbereichen insgesamt 20 Leitinitiativen vor, darunter vier Maßnahmen im Schwerpunktbereich Kinder und Jugendliche (siehe dazu ein kurzer Bericht auf der AGJ-Website). Um die EU-Mitgliedstaaten beim Aufbau von Kapazitäten für einen bereichsübergreifenden Ansatz zur Förderung der psychischen Gesundheit zu unterstützen, werde die Europäische Kommission im Jahr 2023 11 Millionen Euro im Rahmen des Programms EU4Health bereitstellen.

Hinsichtlich anderer involvierter EU-Institutionen berichtete Herr Schreck, dass im Unterausschuss für öffentliche Gesundheit des Europäischen Parlaments derzeit ein erster Bericht über psychische Gesundheit entstehe und auch in der Arbeitsgruppe Jugend des Rats der Europäischen Union Schlussfolgerungen zur psychischen Gesundheit junger Menschen erarbeitet würden.

Erfahrungsaustausch von Fachkräften zu Herausforderungen und Lösungsansätzen: Das Europäische Projekt „Mental Health of Youth in the post Corona time (MHYT)

Präsentation

Video-Mitschnitt

Im dritten Input berichtete Sterenn Coudray, Referentin Internationale Jugendarbeit und Jugendpolitik beim Internationalen Bund, über das Projekt „Mental Health of Youth in the post Corona time (MHYT)“ (Informationen und Ergebnisse des Projekts im Überblick im Padlet). Das Erasmus+-geförderte Projekt sei zwischen Mai 2022 und Mai 2023 in Deutschland, den Niederlanden, Italien und Österreich durchgeführt worden. Im Rahmen von Arbeitsgruppen innerhalb der Partnerorganisationen sowie europäischen Workshops hätten Herausforderungen junger Menschen hinsichtlich ihrer psychischen Gesundheit genauso wie Herausforderungen der Fachkräfte sowie Lösungsansätze zur Resilienzförderung im Zentrum gestanden.

Im Bereich der Herausforderungen junger Menschen seien unter anderem Rückschritte in deren Selbstständigkeit, fehlende Motivation, aggressives Verhalten, geringere Belastbarkeit und ein erhöhtes Suchtpotenzial beobachtet worden. Junge Menschen hätten auch zunehmend wenig Bewegung und Konzentrationsschwierigkeiten und fühlten sich ängstlich oder einsam. Lösungsansätze für Jugendliche könnten Selbstfürsorge (Schlafen, Bewegung), Ernährungsberatung, gemeinsame Aktivitäten wie Kochen und kreative Angebote sein.

Im Bereich der Fachkräfte führe das zu einer zunehmenden Überlastung und Erschöpfung. Fachkräfte wunderten sich, wie sie wissen könnten, wie es den jungen Menschen wirklich gehe, auf welche Anzeichen und Symptome geachtet werden könne und wie junge Menschen an die verschiedenen benötigten Hilfsangebote herangeführt werden könnten. Als Lösungsansätze zur Unterstützung der Fachkräfte seien Online-Supervision, kollegialer Austausch (Fallberatung, Fachtage), Fortbildungen (z. B. zur Suizidprävention, zu Krankheitsbildern und psychischen Belastungen), entsprechende Angebote der Krankenkassen sowie eine stabile Infrastruktur und die Vernetzung lokaler Akteur*innen zentral.

Diskussion

Die anschließende Diskussion zeigte zunächst den großen Bedarf nach einer Verbesserung der wissenschaftlichen Datenlage und Forschung. So sei es schwierig, Aussagen zu treffen über die möglicherweise verschiedenen Verständnisse und Fokusse von psychischer Gesundheit in verschiedenen Ländern der EU, über Veränderungen in der Angebotslage, (rechtliche) Zugänglichkeit und Inanspruchnahme von Beratungs- und Unterstützungsangeboten (z. B. Gruppen- oder Einzelsitzungen, Infrastruktur, präventiv oder interventiv) sowie dazu, inwiefern Elternarbeit und auch eine Einbeziehung der Lehrkräfte sinnvoll ist und praktiziert wird.

Einig waren sich die Inputgebenden und die Teilnehmenden mit Blick auf die Relevanz einer ressort- und ebenenübergreifenden Herangehensweise. Das Zusammendenken unterschiedlicher Politikbereiche genauso wie der verschiedenen Aspekte der Zugänglichkeit (medizinisch, rechtlich, gesellschaftliche Tabus oder Stigmata) und der beteiligten Ebenen und Akteur*innen sei zwar herausfordernd mache es schwierig, einen umfassenden Eindruck zugewinnen. Nichtsdestotrotz könnten Lösungsansätze nur gemeinsam entwickelt und Strategien zur Förderung der psychischen Gesundheit junger Menschen nur gemeinsam verfolgt werden. In diesem Kontext wurde besonders das in der Strategie der Europäischen Kommission vorgesehene Netzwerk für psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen thematisiert. Dieses will die Kommission im Jahr 2024 für den Informationsaustausch, die gegenseitige Unterstützung und Öffentlichkeitsarbeit über Jugendbotschafter*innen unterstützen.

Insgesamt seien mit Blick auf eine EU-weite Strategie der Austausch bewährter Praktiken zentral. Dies sei am Beispiel von Stigmata und Stigmatisierung gut zu sehen. Es gebe in diesem Bereich EU-weit große Unterschiede, die es erlaubten, auszumachen, in welchem Land die Arbeit gegen Stigmata gut funktioniere. Gleichzeitig dürfe nicht vergessen werden, dass auch kulturelle Unterschiede, etwa soziale Tabus, eine Rolle spielten.

Vertiefungsmodule: Arbeitsgruppen zu vier Themen

Präsentation Prof. Dr. Renate Schepker

Präsentation Andrea Horta Herranz

Im Anschluss an die offene Diskussion fanden vier Arbeitsgruppen in Breakout Sessions statt. Die Arbeitsgruppe 1 widmete sich mit Sterenn Coudray der Vertiefung der Perspektive der Fachkräfte. Die Teilnehmenden tauschten sich dabei vor allem dazu aus, was es außer einer Sensibilisierung für die psychische Gesundheit junger Menschen und einer entsprechenden Qualifizierung der Fachkräfte noch bedürfe, um den richtigen Umgang damit zu finden und unterstützend wirken zu können. Moderiert wurde diese Arbeitsgruppe von Alexander Hauser (Deutscher Caritasverband e. V.).

Die Arbeitsgruppe 2 vertiefte mit Stefan Schreck die EU-Ebene. Hier thematisierten die Teilnehmenden unter anderem die Rolle, die die EU überhaupt spielen kann, da sie sowohl im Bereich der Jugendpolitik als auch der Gesundheitspolitik nur unterstützende Kompetenz hat. Den meisten Nutzen brächte deshalb der Austausch zu bewährten Praktiken in den Mitgliedstaaten. Die Moderation in dieser Arbeitsgruppe übernahm Frederike Hofmann-van de Poll (Deutsches Jugendinstitut e. V.).

Die Arbeitsgruppe 3 befasste sich mit der kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung an der Schnittstelle zur Kinder- und Jugendhilfe. In dieses Thema führte Prof. Dr. Renate Schepker (Chefärztin Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, zfp Südwürttemberg) anhand einer kurzen Präsentation ein. Anschließend diskutierten die Teilnehmenden unter anderem die Zugänglichkeit der Angebote, insbesondere für benachteiligte Kinder und Jugendliche und für junge Menschen im ländlichen Raum, sowie die herausforderungsvolle Zusammenarbeit mit den verschiedenen beteiligten Feldern (z. B. Schulsozialarbeit). Moderiert wurde diese Arbeitsgruppe von Heidi Schulze (Projekt jugendgerecht.de, AGJ).

Die letzte Arbeitsgruppe blickte auf die Rolle der europäischen Jugendarbeit (Erasmus+ und ESK) für die psychische Gesundheit junger Menschen. Zu diesem Zweck stellte Andrea Horta Herranz (Researcher bei Youth Policy Labs und RAY Netzwerk) Forschungsdaten und offene Fragen zum Thema vom RAY-Netzwerk vor. Der anschließende Austausch galt vor allem der Bedeutung von Prävention gegenüber der Intervention im Bereich der internationalen Jugendarbeit, da in der internationalen Jugendarbeit keine psychiatrischen Fachkräfte tätig seien. Ein Blick auf die EU-Jugendprogramme zeige, dass diese bereits einen Beitrag zur Prävention leisteten, insbesondere durch die Stärkung der Resilienz durch beispielsweise das Gefühl, neue Situationen erfolgreich zu meistern und etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun. Die Moderation übernahm in dieser Arbeitsgruppe Barbara Schmidt dos Santos (JUGEND für Europa).

Ausblick

Insgesamt verdeutlichte die AGJ-Fachveranstaltung das große Interesse und damit die Relevanz des Themas der psychischen Gesundheit junger Menschen. Im Rahmen der Veranstaltung wurde ein breites Spektrum an relevanten Aspekten thematisiert, darunter Fragen der Qualifizierung von Fachkräften, der Zugänglichkeit von Angeboten und der Rolle, die die EU in diesem Bereich spielen kann. Es wurde deutlich, dass die EU insbesondere durch die Vernetzung und die Ermöglichung von Austausch zu bewährten Praktiken wirken kann. Neben positiven Erkenntnissen wurde aber auch deutlich, dass an vielen Stellen Wissenslücken und Unsicherheiten sowohl in der Forschung als auch der Praxis bestehen. Diese Lücken betreffen unter anderem unterschiedliche Verständnisse von psychischer Gesundheit, die Angebotslage und Inanspruchnahme von Angeboten sowie die Rolle von Eltern- und Lehrer*innenarbeit in diesem Kontext.

Die eher einführende Veranstaltung kann als wichtiger Schritt gewertet werden, um die weitere Befassung mit dem Thema voranzutreiben. Durch das digitale Format konnten Teilnehmende aus verschiedenen Regionen Deutschlands und sogar aus dem Ausland teilnehmen und ihr Wissen und ihre Erfahrungen teilen.

An dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön an unsere Referierenden für die wertvollen Inputs sowie an alle Teilnehmenden für das große Interesse und die rege Beteiligung!