Kinder- und Jugendreport zur UN-Berichterstattung

Im Zeitraum vom 15. September 2009 bis zum 31. Mai 2010 wurde das Projekt Kinder- und Jugendreport zur UN-Berichterstattung über die Umsetzung der Kinderrechtskonvention in Deutschland durch die Arbeitsgemeinschaft für Kinder-und Jugendhilfe – AGJ realisiert. Die National Coalition, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten Kinder und Jugendliche bereits an der Erstellung des vorangegangenen Schattenberichts beteiligte, regte den Partizipationsprozess an, der von der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendhilfe – AGJ als eigenständiger Report konzeptioniert und beantragt wurde. Finanziert wurde es über einen Zeitraum von 8,5 Monaten mit einem personellen Umfang einer 30-Stunden-Stelle für eine wissenschaftliche Referentin aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Erstmalig wurde neben dem Bericht der Bundesregierung gemäß Art. 44 der UN-Kinderrechtskonvention zur Umsetzung der Kinderrechte in der Bundesrepublik Deutschland und dem Ergänzenden Bericht („Schattenbericht“) der National Coalition ein eigenständiger Kinder- und Jugendreport erstellt. Dieser wurde dem UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes (CRC) in der Pre-Sessional Working Group vorgelegt, die der Anhörung der Bundesregierung vorgeschaltet war.

Das Projekt folgte den Empfehlungen der UN, junge Menschen direkt an der Berichterstattung zu beteiligen und trug somit zur Verwirklichung der Beteiligungsrechte von Kindern und Jugendlichen bei.

Ziele und Schwerpunkte
Das vereinbarte Projektziel des Projekts war die Erstellung eines eigenständigen „Kinder- und Jugendreports“ zum Umsetzungsstand der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland. Mit dem Kinder- und Jugendreport wurde ein gesellschafts- und jugendpolitisches Signal der politischen Partizipation junger Menschen gesetzt. Kinder und Jugendliche sollten als Expertinnen und Experten für ihre Lebenswelt und die Umsetzung der Kinderrechte einbezogen werden. Der Kinder- und Jugendreport sollte somit ein Instrument zur Verwirklichung der Beteiligungsrechte von Kindern und Jugendlichen darstellen.

Das Projekt sollte nach seinen Möglichkeiten darauf hinwirken, dass die Sicht junger Menschen als eine maßgebliche Grundlage von Politikgestaltung dient. Prozess- und Ergebnisqualität der Reporterstellung sollten beteiligte Kinder, Jugendliche und Erwachsene zur weiteren Beförderung der Kinderrechte auf lokaler, Landes- und Bundesebene anregen. Die Qualität misst sich dabei an den Qualitätskriterien für Kinder- und Jugendbeteiligungsprojekte (Roth, Stange u. a.).

Der Kinder- und Jugendreport stützte sich auf drei Informationsquellen:
1. Mit Hilfe eines Fragebogens wurden junge Menschen zu ihren persönlichen Erfahrungen mit der Umsetzung der Kinderrechte befragt. Fragebogen und Informationsblatt wurden für die Altersstufe von 9 – 18 Jahren konzipiert und mit unterschiedlichen Kindern und Jugendlichen einem Pretest unterzogen. Der Fragebogen wurde in einer Auflage von 10.000 gedruckt und versandt. Er konnte außerdem auf der Website www.kinder-jugendreport.de bis zum 28. Februar 2010 online ausgefüllt werden. Die Nachfrage ging weit über die gedruckten Exemplare hinaus. In weniger als einem Monat nach Fertigstellung des Fragebogens in einer Auflage von 10.000 Stück war dieser bereits vergriffen. Viele Partner haben in Eigeninitiative Kopien angefertigt. Nachfragen kamen aus allen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe, aus Beteiligungsinitiativen und Schulen sowie engagierten jungen Menschen selbst. Einige Städte haben in Eigenregie eine flächendeckende Verteilung und Begleitung über Kinderbeauftragte, Kinder- und Jugendbüros und Jugendämter organisiert. Die Stadt Bochum startete beispielsweise eine groß angelegte Aktion gemeinsam mit 15 Jugendeinrichtungen. In Koblenz wurden eigens studentische Kräfte aus dem pädagogischen Bereich geschult und in Schulklassen eingesetzt. Der Rücklauf war mit 3500 Fragebögen weit höher als erwartet und umfasst Kinder und Jugendliche aus allen Teilen Deutschlands und allen Bildungszugängen ab einem Alter von fünf Jahren. Die Kürze des Projekts erforderte eine gleichzeitige Eingabe und Auswertung, wobei die quantitative Auswertung sich auf 1738 Fragebögen bezieht, während Aussagen aus den offenen Fragen aus allen Fragebögen einbezogen werden konnten. Die Auswertung der Fragebögen diente der Erfassung von Schwerpunktthemen junger Menschen und erhebt keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit.

2. In einem Arbeitstreffen mit jungen Menschen wurden dezentrale Projekte zur Erfassung weiterer Sichtweisen entwickelt, die von ihnen vor Ort umgesetzt und in einem zweiten Treffen zusammengefasst wurden. Trotz einer sehr kurzen Ausschreibungsfrist bewarben sich doppelt so viele junge Menschen für eine Teilnahme beim bundesweiten Arbeits treffen wie Plätze vorhanden waren. Unter den Bewerberinnen und Bewerbern fanden sich mehr Jugendliche als Kinder, was weniger dem Interesse der Kinder als vielmehr der Kurzfristigkeit des Projekts geschuldet war, da Kinder auf begleitende Erwachsene angewiesen sind, die weniger spontan reagieren können. Erfreulich ist die Durchmischung der Jugendlichen, die aus vielfältigen Lebenslagen und mit unterschiedlichen Hintergründen am Arbeitstreffen teilnahmen. Gemeinsam mit dem Deutschen Bundesjugendring wurden 27 junge Menschen im Alter von 11 – 18 Jahren aus neun Bundesländern ausgewählt. Sie zeigten eine ausgesprochen hohe Motivation, für die Kinderrechte aktiv zu werden. In nur drei Monaten setzten sie 13 dezentrale Projekte zur Erfassung der Sichtweisen junger Menschen vor Ort um, die sie in einem ersten Arbeitsreffen im Dezember 2009 entwickelt hatten. In einem zweiten Treffen im März 2010 wurden die Ergebnisse vorgestellt, diskutiert und die Schlussfolgerungen zusammengefasst um sie in den Kinder- und Jugendreport einzuspeisen. Die Themen und Empfehlungen der jungen Menschen spiegeln die vielfältigen Lebenslagen und unterschiedlichen Hintergründe der bewusst heterogen ausgewählten Kinder und Jugendlichen wider. Die Gruppe bedauerte einstimmig das Ende des Projekts. Die Kinder und Jugendlichen streben an, sich selbstorganisiert weiter zu treffen um die Umsetzung der Kinderrechte weiter aus Sicht der „Nutzerinnen und Nutzer“ zu bearbeiten. Sie wünschen sich dabei inhaltliche und organisatorische Unterstützung.

3. Dritter Bestandteil des Kinder- und Jugendreports sind Ergebnisse aus bereits abgeschlossenen Kinderrechtsprojekten (Kinderrechtewahlen, -camps, Kinder- und Jugendforen) der vergangenen fünf Jahre. An dieser Stelle sind u. a. auch der Kinder- und Jugendreport zum Nationalen Aktionsplan für ein kindergerechtes Deutschland (NAP) sowie zentrale Forderungen der jungen Menschen aus den Themenveranstaltungen zum NAP und der 1. Nationalen Konferenz eingeflossen. National Coalition und Deutscher Bundesjugendring, bzw. einzelne Verbände stellten hierzu Ergebnisse zur Verfügung, ebenso Kinderbeauftragte und Kinder- und Jugendbüros aus dem ganzen Bundesgebiet.

Die Zusammenführung der Ergebnisse erfolgte durch die zuständige Referentin, Frau Rebekka Bendig. Sie bündelte die Ergebnisse, stellte Zusammenhänge zwischen den Bausteinen her und fasste zentrale Ergebnisse – unterstützt durch die Originalzitate und -beiträge der jungen Menschen – zusammen (s. anliegender Kinder- und Jugendreport). Kritisch anzumerken ist die extrem kurze Laufzeit und Ausstattung des Projekts. Interessierte Fachkräfte und Jugendverbände bemängelten die kurze Bewerbungsfrist für die Arbeitstreffen sowie die nicht ausreichende Anzahl gedruckter Fragebögen.

Die schnelle flächendeckende Verbreitung an Kinder und Jugendliche ist der raschen und zuverlässigen Vermittlung der Netzwerke der AGJ und der NC zu verdanken. Der DBJR als Kooperationspartner und das Deutsche Kinderhilfswerk haben die Verbreitung durch groß angelegte Versendungsaktionen entscheidend unterstützt. Kommunen und Städte wurden durch eigene Rundschreiben des Deutschen Landkreistages und des Deutschen Städtetages auf den Kinder- und Jugendreport aufmerksam gemacht. Über die direkten Partner hinaus haben wiederum deren Netzwerke und Partner aktiv für eine Verbreitung gesorgt. So sind beispielsweise zahlreiche Schulen durch den bundesweiten Koordinator der UNESCO-Schulen informiert worden und beteiligten sich aktiv am Kinder- und Jugendreport.
Rundschreiben, Artikel, und Verlinkungen mit der Website sorgten ebenso für eine rasche Verbreitung wie die Weiterleitung und direkte Vermittlung von begleitenden Erwachsenen an Kinder und Jugendliche. Kinderbeauftragte, Jugendparlamente, Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen zeigen ein reges Interesse – und nicht zuletzt die jungen Menschen selbst, wie der rasche Rücklauf erster Fragebögen und die Bewerbungen für das bundesweite Arbeitstreffen dokumentieren.

Sowohl Kinder und Jugendliche wie auch begleitende Erwachsene und Fachorganisationen zeigten ein sehr hohes Interesse am Kinder- und Jugendreport. Junge Menschen in die Lage zu versetzen, ihre Sicht auf die Umsetzung ihrer Rechte selbst zu beschreiben, stärkt ihre Subjektstellung. Dies wurde von ihnen selbst ebenso wie von zahlreichen Erwachsenen positiv bewertet.

Mit dem ersten Kinder- und Jugendreport wurde ein Beteiligungsformat entwickelt, an das künftige Berichterstattungen anknüpfen können. Erforderlich wären dann eine längere Vorlaufzeit und eine entsprechende Ausstattung des Projekts. Aufbauen sollte eine Berichterstattung aus Kinder- und Jugendsicht auf Maßnahmen, die eine Kontinuität der Befassung mit Kinderrechten im Kontext von Schule und Jugendhilfe sicherstellen.

 

 

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