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HdJ-Veranstaltung: Jugendarbeit nach Corona Jugendpolitische Fachveranstaltung am 26. Oktober 2021

Das Haus der Jugendarbeit und Jugendhilfe e. V. (HdJ) www.hdj-berlin.de hat am 26. Oktober 2021 zu seiner jährlichen jugendpolitischen Fachveranstaltung eingeladen. Mehr als 200 Interessent*innen hatten sich angemeldet. Dies zeigt, dass das HdJ mit der Veranstaltung ein aktuelles und brennendes Thema aufgegriffen hat, das sehr viele Akteure im Feld der Jugendarbeit bewegt: Wie geht es weiter mit der Kinder- und Jugendarbeit nach Corona?

Die Pandemie hat die Verbände, Träger und Akteure der Kinder- und Jugendarbeit stark herausgefordert. Ihre Arbeit lebt vom Miteinander, von gemeinsamen Aktivitäten und Erlebnissen – und genau dies war unter Pandemie-Bedingungen nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Ziel der Veranstaltung war es daher, die Erfahrungen in und aus der Pandemie zu reflektieren und zu diskutieren, wie die Jugendhilfe und Jugendarbeit vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen weiterentwickelt und gestärkt werden kann.

Der HdJ-Vorsitzende Mike Corsa begrüßte die Teilnehmenden mit einer ersten Einordnung. Er machte deutlich, dass die Unterstützung junger Menschen in ihrer Entwicklung hin zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit sowie die Sicherung und Unterstützung von Lebens- und Gestaltungorten außerhalb von Familie und Schule zentrale Anliegen aller Organisationen im HdJ sind. Die Organisationen bringen unterschiedliche Perspektiven ein, die die Vielfalt der Kinder- und Jugendarbeit spiegeln. Sie findet an unterschiedlichen Orten und in unterschiedlichen Formaten statt und hat, so der HdJ-Vorsitzende, seit ihrem Bestehen eine eigene Logik und eine spezifische Bedeutung für Kinder und Jugendliche. Sie entwickelt sich durch das Interesse von Kindern und Jugendlichen weiter, ist freiwillig und selbsttätig mit Unterstützung von Ehrenamtlichen und Fachkräften.

Die pandemiebedingten Einschränkungen haben den Bedarf an gelebter Kinder- und Jugendarbeit noch einmal besonders sichtbar gemacht. Die vielen digitalen Angebote reichen nicht aus, wenn sich Jugendliche auf dem Laufsteg der Gleichaltrigen bewegen, sich messen, um Haltungen ringen, selbsttätig im Kreis der Gleichaltrigen Lebensstile erproben, aber auch einen konstruktiven Umgang mit Niederlagen finden wollen. Die mit der Pandemie begründeten Einschränkungen – insbesondere in Zeiten der Lockdowns – hatten gravierende Folgen für Kinder und Jugendliche: Lebensräume und direkte Kontakte zu Gleichaltrigen und außerfamiliären Begleiter*innen wurden eingeschränkt. Sichtweisen und Bedarfe von Kindern und Jugendlichen spielten an den Tischen der Corona-Krisenstäbe keine Rolle, eine Jugendstrategie war nicht zu erkennen. Kinder und Jugendliche – als Gefährdungspotenzial für vulnerable Gruppen stigmatisiert – wurden nur unter bildungspolitischen Aspekten in den Blick gekommen: Wie können trotz der Einschränkungen die Lehrpläne umgesetzt und die schulischen Bildungsziele erreicht werden? Kinder- und Jugendarbeit hatte folglich keine Bedeutung für die politischen Entscheidungsträger und die Pandemiexpert*innen.

Bei aller Einschränkung habe sich aber die Kreativität der Kinder- und Jugendarbeit in Pandemiezeiten einmal mehr bewährt, so Mike Corsa, natürlich auch dank der Unterstützung der öffentlichen Träger durch Sonder- und Aktionsprogramme. Es sei der Kinder- und Jugendarbeit gelungen, mit digitalen Formaten und aufsuchenden Maßnahmen Kontakte zu jungen Menschen herzustellen und zu halten – auch wenn hierzu noch nicht ausreichend empirische Studien vorliegen.

Impulsvortrag „Long-Covid?! – Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Jugendliche und die Jugendarbeit

Mit seinem Impulsvortrag „Long-Covid?! – Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Jugendliche und die Jugendarbeit“ (Impulsvortrag als PDF), benannte Dr. Jens Pothmann, Leiter der Abteilung Jugend und Jugendhilfe des Deutschen Jugendinstituts, zum einen die vielfältigen Belastungen, denen Kinder und Jugendliche durch Corona ausgesetzt waren, wie z. B. die Einschränkung sozialer Kontakte und der Mobilität, die Verschlechterung der Lebensqualität, der Wegfall von Beteiligungsmöglichkeiten oder auch die psychischen Belastungen. Zum anderen umriss er die Folgen der pandemischen Lage für die Kinder- und Jugendarbeit: Corona hat dieses Arbeitsfeld stark dominiert. Die Abhängigkeit vom Pandemiegeschehen wurde u. a. mit (Teil-)Schließungen und eine Reduzierung der Angebote deutlich, gleichwohl wurden parallel neue Formate entwickelt. Auch wenn viele flexibel und kreativ reagierten, hat sich der Druck auf die Beschäftigten unter Pandemiebedingungen sehr erhöht.

Corona werde weiterhin Thema bleiben und die finanziellen Entwicklungen seien ungewiss, so der Referent in seinem Fazit. Gleichzeitig ist von zusätzlichen Bedarfslagen auszugehen, blickt man auf demografische Entwicklungen oder auch auf Themen wie Ganztagsbildung, Vielfaltsgestaltung, Inklusion oder auch die Digitalisierung.

Sessions der vier Organisationen

In vier Sessions, die die Organisationen im HdJ verantworteten, wurden zentrale Fragen und Herausforderungen aufgegriffen, die die Vielfalt der Kinder- und Jugendarbeit und die unterschiedlichen Perspektiven deutlich machten:

  • Politische Bildung online: all inclusive? Einblicke in eine aktuelle Studie und Erfahrungen aus der Jugendbildung und Jugendarbeit in 2020/2021 – Session des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten (AdB)
    In dieser Session stellte Dr. Friedrun Erben, AdB, ausgewählte Hypothesen und Schlussfolgerungen der Studie „Politische Bildung online: all inclusive? Ein- und Ausschlüsse in digitalen Formaten der außerschulischen politischen Bildung – eine Studie aus machtkritischer und intersektionaler Perspektive“ vor, die Dr. Anna Maria Krämer für den AdB erstellt hat. Die Hypothesen und Schlussfolgerungen wurden durch Nils-Eyk Zimmermann mit Erfahrungen aus dem Projekt „DIGIT AL – Digital Transformation and Adult Learning for Active Citizenship” gespiegelt. Es wurde diskutiert, welche Konsequenzen die Digitalisierung für eine inklusive Bildungsarbeit hat und wie sich bisherige Gestaltungsprinzipien in digitalen Räumen verändern. Hierbei geht es nicht nur um technische Fragen und die Auswahl geeigneter Tools, sondern ebenso um Fragen der Konzeption, der Kommunikation und der Haltung. Inklusion wird als Prozess verstanden, der die Bedürfnisse aller berücksichtigt. Daher muss reflektiert werden, wie Ausschlüsse verhindert werden können und eine umfängliche Teilhabe aller möglich wird.
  • Die Offene Kinder- und Jugendarbeit in und nach der Pandemie – Session der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ
    Moritz Schwerthelm, Universität Hamburg, führte mit einem Input in das Thema ein und machte gleich zu Beginn deutlich, dass man noch nicht von einem „Nach Corona“ sprechen kann. Da es bisher kaum empirische Studien gibt, sind auch die Auswirkungen der Pandemie auf die Offene Kinder- und Jugendarbeit (OKJA) noch nicht abschließend zu benennen. Aber man könne, so der Referent, auf Grundlage einer Studie von Ulrich Deinet, Benedikt Sturzenhecker und Maria Icking in Nordrhein-Westfalen eine Aufgaben- und Funktionsverschiebung beobachten. Auf der einen Seite habe Corona gewissermaßen die Kombination von Sozialraum- und digitaler Orientierung in der OKJA erzwungen und gestärkt. Wohingegen auf der anderen Seite die Varianten des Partizipativen und der Selbstorganisation kaum gestärkt wurden. Aus jugendarbeiterischer Perspektive fokussiere sich die OKJA zurzeit mehr auf Hilfe als auf Selbstorganisation und Bildung. Die OKJA könne, so Schwerthelm, ihrem gesellschaftlichen Auftrag auch unter neuen Bedingungen nachkommen, wenn sie die Selbstorganisation junger Menschen nutze und fördere. Die pädagogische Arbeit während der Pandemie habe gezeigt, dass die Angebotsgestaltung in der OKJA gut gelinge, wenn man die bestehenden (Selbstorganisations-)Fähigkeiten in virtuellen Räumen aufgreife. Dabei gehe es auch immer darum die gesellschaftlichen und politischen Anliegen junger Menschen gemeinsam mit ihnen in die Jugendpolitik einzubringen. Das gelingt jedoch nicht, ohne sich politisch einzumischen. Dafür bräuchten die Fachkräfte der OKJA den Rückhalt der Verbände und Träger und eine politische Anerkennung dieses spezifischen Auftrags. Vortrag von Moritz Schwerthelm als PDF
  • Schutz vor sexualisierter Gewalt – vor, während und nach der Pandemie – Session der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (BAJ)
    In der Session stand ein zentrales Thema des Kinder- und Jugendschutzes, der Schutz vor sexualisierter Gewalt gegen Mädchen und Jungen im Mittelpunkt. Heike Völger, Leiterin des Referats Prävention und Forschung beim Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs stellte u. a. die Empfehlungen des Nationalen Rates gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen zu Schutzkonzepten sowie Initiativen des UBSKM vor. Ursula Enders, Mitbegründerin und Leiterin von Zartbitter Köln, der Kontaktstelle gegen sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen, gab einen Einblick in neue digitale Fortbildungsformate, die vor dem Hintergrund, dass Kontaktmöglichkeiten und Hilfsangebote digital längst nicht ausreichend zur Verfügung standen und stehen entwickelt wurden. Das Fazit des Vorsitzenden der BAJ Klaus Hinze lautet dementsprechend: „Die digitale Ausstattung in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, Schulen und Kitas muss deutlich und schnell verbessert werden. Weitere Beratungsformate müssen entwickelt und die Fachkräfte entsprechend geschult werden. Die Entwicklung und Etablierung von Schutzkonzepten auf allen Ebenen nehmen dabei einen hohen Stellenwert ein. Die BAJ unterstützt diese Forderungen eindeutig.“
  • Gesellschaftliche Brüche überwinden – Session des Deutschen Bundesjugendrings (DBJR)
    Dr. Alena Buyx, Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der Technischen Universität München, Bericht unter: www.dbjr.de/artikel/ueberwindung-gesellschaftlicher-brueche-diskutiert

Spitzengespräch zu den jugendpolitischen Erwartungen an die zukünftige Bundesregierung

Moderiert von Maja Wegener, Geschäftsführerin Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz (BAJ), kamen Vorstandsmitglieder der im HdJ vertretenden Verbände zu einem Spitzengespräch zusammen, um die jugendpolitische Erwartungen an die zukünftige Bundesregierung zu formulieren.

Martina Reinhardt, stellvertretende Vorsitzende der AGJ, Boris Brokmeier, Vorsitzender des AdB, Wendelin Haag, Vorsitzender des DBJR, sowie Klaus Hintze, Vorsitzender der BAJ, brachten vor dem Hintergrund der Impulse und Diskussionen in den Sessions folgende Forderungen ein:

  • Digitalpakt für die Kinder- und Jugendhilfe
  • Förderprogramme für Kinder und Jugendliche ausweiten, und auf 5 Jahre verlängern!
  • Jugendpolitik voranbringen: Ressortübergreifende Zusammenarbeit im Interesse junger Menschen!
  • Stabilisierung und Ausbau der Infrastruktur der Kinder- und Jugendarbeit
  • Kinderrechte ins Grundgesetz
  • Kontinuierliche Strukturen und Fortbildungen angesichts zunehmender Digitalisierung
  • Schulung und Stärkung von Fachkräften
  • Ausbau der förderpolitischen Instrumente
  • Dynamisierung der KJP-Mittel
  • Etablierung eines Nationalen Kompetenzzentrums
  • Jugendliche immer mitdenken
  • Krisenfeste Jugendbeteiligung etablieren
  • Absenkung des Wahlalters
  • Umfassende Grundsicherung

Ina Bielenberg, HdJ-Geschäftsführerin, formulierte zum Abschluss der Veranstaltung, was wohl allen unter den Nägeln brennt: Die Veranstaltung hat gezeigt, wie einschneidend die Pandemie für alle war. Sie hat Kinder, Jugendliche, Familien, aber auch die Träger, Verbände, die Strukturen und das Personal getroffen. Die Auswirkungen werden noch lange zu spüren sein. Alle haben Verantwortung übernommen, haben mit Flexibilität, Kreativität, Neugier und Vernetzung reagiert. Aber deutlich ist, dass die Bewältigung der Krise ist nicht allein zu schaffen ist. Wir brauchen jugendpolitischen Rückhalt und jugendpolitische Anerkennung – sowohl die Kinder und Jugendlichen als auch die Akteure der Kinder- und Jugendarbeit. Dafür ist eine wirksame Lobbyarbeit essentiell – auf Bundes- und Länderebene und in den Kommunen.

Haus der Jugendarbeit und Jugendhilfe e. V. (HdJ)

Das Haus der Jugendarbeit und Jugendhilfe e. V. (HdJ; www.hdj-berlin.de) ist seit 20 Jahren der zentrale Standort und die Heimat für wichtige bundeszentrale Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe. Hierzu gehören:

Die Spitzenverbände sind wichtige Ansprechpartnerdes BMFSFJ, der Bundesregierung, für den Deutschen Bundestag und ein starker Ausdruck einer vielfältigen und lebendigen Zivilgesellschaft.