Deutscher Kinder- und Jugendhilfepreis 2026 – sechs Auszeichnungen für Praxis, Wissenschaft und Medien
AGJ feiert herausragende Leistungen für junge Menschen
Die Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ verleiht heute Abend den Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis 2026 – Hermine-Albers-Preis in Berlin. In drei Kategorien, werden jeweils ein Preis und eine Anerkennung vergeben. Die diesjährigen Auszeichnungen gehen an:
- Praxispreis: Kreisjugendring Nürnberg-Stadt und Medienzentrum Parabol e. V. in Kooperation mit dem Jugendamt der Stadt Nürnberg, dem Beteiligungsmodell laut! und dem IPSN; Medienzirkus e. V. in Kooperation mit der Jugendpresse Sachsen e. V., metro polis e. V. und JFF;
- Medienpreis: Larissa Sobral und Daniel Kähler (Radio Bremen); Marius Elfering (freier Journalist u.a. für Deutschlandfunk und WDR)
- Theorie- und Wissenschaftspreis: Dr. Anna Hamer (Universität Frankfurt); Dr. Rudolph Meyer (Universität Wuppertal).
Aus einem Rekordfeld von knapp 260 Einreichungen wurden die Preis- und Anerkennungsträger*innen von einer elfköpfigen Jury ausgewählt und ihre Würdigung anschließend vom Vorstand der AGJ beschlossen. Gestiftet wird der Preis von Obersten Jugend- und Familienbehörden der Länder.
„Hier wird Innovationskraft sichtbar! Mit dem Preis würdigen wir Menschen und Organisationen, die sich mit herausragenden Arbeiten in der Praxis der Kinder- und Jugendhilfe, in der Wissenschaft und mit journalistischer Berichterstattung mit frischen Ideen und Engagement dafür einsetzen, dass Kinder und Jugendliche gute Bedingungen zum Aufwachsen haben,“ begründet die AGJ-Vorsitzende Dr. Gabriele Weitzmann die Vergabe des Preises.
Nähere Informationen zur diesjährigen Preisvergabe
Die drei Kategorien des Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis– Hermine-Albers-Preis setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Der Praxispreis widmet sich in diesem Jahr dem Thema „Demokratiebildung und -förderung in der Kinder- und Jugendhilfe“. Mit dem Theorie- und Wissenschaftspreis werden wissenschaftliche Arbeiten ausgezeichnet, die der Kinder- und Jugendhilfe neue Impulse geben. Und der Medienpreis würdigt journalistische Beiträge, die sich mit den Lebenswelten von Kindern, Jugendlichen und Familien und/oder der Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe auseinandersetzen.
Praxispreis
Demokratiebildung und -förderung in der Kinder- und Jugendhilfe
Die Kinder- und Jugendhilfe selbst ist zum Schauplatz der Auseinandersetzung um die Demokratie geworden. Sie richtet sich an alle jungen Menschen, wird aber zunehmend mit demokratie- und menschenfeindlichen Angriffen konfrontiert. Berichtet wird von rechten Angriffen auf Einrichtungen, Bedrohungen und Einschüchterungen sowie Versuchen, Förderungen infrage zu stellen. Zugleich werden Angebote der Kinder- und Jugendhilfe gezielt von extrem rechten Akteuren unterwandert und genutzt. Auch der Verweis auf ein vermeintliches Neutralitätsgebot wird eingesetzt, um eine klare demokratische Haltung infrage zu stellen.
Damit steht die Kinder- und Jugendhilfe vor einer doppelten Herausforderung: Sie muss sich gegen demokratiefeindliche Einflussnahme behaupten und zugleich Räume schaffen, in denen junge Menschen Demokratie erfahren, eigene Positionen entwickeln und Gesellschaft aktiv mitgestalten können.
Genau hier setzt der Praxispreis 2026 an. Ausgezeichnet werden Praxisangebote, die Demokratiebildung und Demokratieförderung in der Kinder- und Jugendhilfe konkret gestalten und junge Menschen darin stärken, für die demokratischen Grundwerte einzustehen.
Praxispreis für „Lernort Rathaus“
Den Preis erhalten Kreisjugendring Nürnberg-Stadt/DoKuPäd – Pädagogik rund um das Dokumentationszentrum und Medienzentrum Parabol e. V. in Kooperation mit Jugendamt der Stadt Nürnberg, Beteiligungsmodell laut! und IPSN – Institut für Pädagogik und Schulpsychologie für das Praxisangebot „Lernort Rathaus“
Begründung der Jury: Das Praxisangebot ist professionell konzipiert, fachlich fundiert und eng in bestehende kommunale Beteiligungsstrukturen eingebettet, wodurch ein großer Wirkungskreis in der Stadt Nürnberg entsteht. Es eröffnet Jugendlichen einen unmittelbaren Zugang zu einem politischen Ort, der ihnen häufig fern oder schwer zugänglich erscheint: dem Rathaus. Junge Menschen lernen das Rathaus kennen und setzen sich praxisnah damit auseinander, wie Demokratie vor Ort und auf kommunalpolitischer Ebene funktioniert. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der eigenen Mitgestaltung. Das Praxisangebot setzt neue Impulse für die Kinder- und Jugendhilfe im Bereich Demokratiebildung und Demokratieförderung.
Anerkennung Praxispreis für „Tram Talk“
Der Medienzirkus e. V. in Kooperation mit der Jugendpresse Sachsen e. V., metro polis e. V. und JFF wird für das Praxisangebot „Tram Talk“ mit einer Anerkennung ausgezeichnet.
Begründung der Jury: Das Praxisangebot aus Leipzig verbindet aufsuchende Demokratiearbeit mit kreativer Medienbildung. Jugendliche entwickeln eigene Fragen, führen Interviews mit Mitfahrenden in der Straßenbahn und gestalten aus Audio- und Fotomaterial eigene Social-Media-Beiträge. So erleben sie Demokratie unmittelbar: Sie setzen eigene Themen, kommen mit unterschiedlichen Menschen ins Gespräch und erfahren, dass ihre Perspektiven gesellschaftliche Relevanz haben. Das stärkt die Selbstwirksamkeit und vermittelt Freude am gesellschaftlichen Dialog. Das Praxisangebot ist 2025 abgeschlossen worden. Eine Neuauflage wird angestrebt.
Medienpreis
Journalistischer Blick auf die Lebenswelten junger Menschen und/oder die Kinder- und Jugendhilfe
Der Medienpreis ist die jüngste Kategorie des Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreises – Hermine-Albers-Preis. Ausgezeichnet werden Journalist*innen für hervorragende Arbeiten, die das Verständnis der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen fördern oder deren Lebenswelten einer breiten Öffentlichkeit sichtbar machen.
Medienpreis für „Ich pflege meine Mama seit ich 13 bin: Young Carer“
Den Preis erhalten Larissa Sobral und Daniel Kähler für den Podcast „Ich pflege meine Mama seit ich 13 bin: Young Carer“, der in der ARD Audiothek/Cosmo Radio im Mai 2025 erstveröffentlicht wurde.
Begründung der Jury: Laura und Eva sind Young Carers, die ihre eigenen Eltern seit Jahren pflegen – schon bevor sie erwachsen wurden. Die Reportage verbindet journalistische Qualität, klare Haltung und gesellschaftliche Relevanz: Sie wirft ein Wahrnehmungsdefizit auf, denn die Lebensrealität junger pflegender Angehöriger bleibt in Deutschland politisch und im Hilfesystem der Kinder- und Jugendhilfe unterbelichtet. Die Jury möchte mit der Auszeichnung ein jugendpolitisches Zeichen dafür setzen Young Carers mit ihren Bedürfnissen und Forderungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Anerkennung Medienpreis für „Erziehung und Strafe – Jugendkriminalität in Deutschland“
Marius Elfering wird für seinen Hörfunk-Beitrag „Erziehung und Strafe – Jugendkriminalität in Deutschland“, der in Langen Nacht „Erziehung und Strafe“ im Deutschlandfunk im Februar 2024 das erste Mal gebracht wurde, mit einer Anerkennung ausgezeichnet.
Begründung der Jury:Der 2,5-stündige Hörfunkbeitrag setzt sich differenziert und verantwortungsvoll mit jugendlichen Straftäter*innen und den Möglichkeiten des Jugendstrafrechts und des Jugendgerichtsgesetzes auseinander, das als Hauptzweck den Erziehungsgedanken hat. Er stellt unterschiedliche Lebenswege vor, gibt jungen Menschen eine öffentliche Stimme und verzichtet auf einfache Ursache-Wirkungs-Erklärungen. Statt vorschnell für härtere Strafen zu plädieren, lässt der Beitrag neben den Jugendlichen Justiz, Wissenschaft und Praxis zu Wort kommen. Die überzeugende journalistische Arbeit trägt zur Versachlichung der Debatte bei.
Theorie- und Wissenschaftspreis
Neue theoretische Impulse für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe
Der Theorie- und Wissenschaftspreis würdigt wissenschaftliche Arbeiten, die einen relevanten Beitrag zur fachlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Fragen der Kinder- und Jugendhilfe leisten und zu ihrer Weiterentwicklung beitragen.
Theorie- und Wissenschaftspreis für „Erziehung – Gewalt – Identität. Erzählungen ehemaliger Adressat*innen über Intensivpädagogische Maßnahmen“
Dr. Anna Hamer, Universität Frankfurt, wird für ihre Dissertation „Erziehung – Gewalt – Identität. Erzählungen ehemaliger Adressat*innen über Intensivpädagogische Maßnahmen“ mit dem Theorie- und Wissenschaftspreis ausgezeichnet.
Begründung der Jury:Dr. Anna Hamer untersucht, wie junge Menschen ihre Erfahrungen mit Gewalt in intensivpädagogischen Auslandsmaßnahmen rückblickend erzählen und in ihre eigene Biografie einordnen. Im Mittelpunkt stehen sechs eindrückliche Erzählungen über das ambivalente Verhältnis von Erziehung und Gewalt sowie die Zuschreibung, „besonders schwierig“ gewesen zu sein. Die Dissertation macht deutlich: Erlebtes, Erlittenes und Bewältigtes wirken fort, prägen die Deutung der Gegenwart und beeinflussen Zukunftsvorstellungen. Die Dissertation gibt der Theorie der Kinder- und Jugendhilfe neue Impulse zum Verhältnis von Erziehung und Gewalt. Zugleich setzt die Arbeit wichtige Impulse für eine biografie- und sozialisationssensible Praxis und Forschung und leistet einen Beitrag zur Forschung über Adressaten*innen in kritisch diskutierten Hilfemaßnahmen.
Anerkennung Theorie- und Wissenschaftspreis für „Im Käfig – Straßenfußball und Straßenkindheit in einem marginalisierten Quartier. Eine Streetwork-Ethnographie“
Dr. Rudolph Meyer, Universität Wuppertal, wird für seine Streetwork-Ethnographie „Im Käfig – Straßenfußball und Straßenkindheit in einem marginalisierten Quartier“ mit einer Anerkennung in der Kategorie Theorie- und Wissenschaftspreis ausgezeichnet.
Begründung der Jury: Die Untersuchung von Dr. Rudolph Meyer wird den komplexen Lebenswelten des Straßenfußballs gerecht. Die Auswirkungen und Folgen für die sport- und bewegungsbezogene Kinder- und Jugendarbeit sind klar strukturiert und haben hohen Erkenntniswert. Die Texte können beinahe unmittelbar für die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe genutzt werden. Der Straßenfußball wird als ambivalente Praxis beschrieben. Der Autor plädiert für eine kontextsensible und reflexive Begleitung, die Teilhabe stärkt, marginalisierte Gruppen unterstützt und unterschiedliche Geschlechtsidentitäten anerkennt. Zugleich macht die Untersuchung deutlich, dass selbstbestimmte Bewegungsräume langfristig sozialräumliche, politische und institutionelle Unterstützung benötigen.
Feierliche Verleihung des Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreises – Hermine-Albers-Preis 2026
Der Deutsche Kinder- und Jugendhilfepreis 2026 in den verschiedenen Kategorien wird am 1. Oktober 2026 in einer abendlichen Feier verliehen. Für die Rede des Stifters wird Staatssekretärin Manuela Strube, Hessisches Ministerium für Arbeit, Integration, Jugend und Soziales in Vertretung des Vorsitzlandes der Jugend- und Familienministerkonferenz erwartet.
Die Laudationes halten: Susann Rüthrich (Kinder- und Jugendbeauftragte der Sächsischen Staatsregierung), Sebastian Bock (stellv. Geschäftsführer des Arbeitskreises deutscher Bildungsstätten), Christine Lohn (Christine Lohn, Geschäftsführerin Evangelische Jugendsozialarbeit), Rolf Westermann (Journalist) und Peter Wensierski (SPIEGEL-Buchautor).
Historischer Hintergrund zum Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis – Hermine-Albers-Preis
Dr. Hermine Albers, die Namensgeberin des Preises, wurde 1933 wegen ihrer Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Nach dem 2. Weltkrieg setzte sie sich als Leiterin des Hamburger Landesjugendamtes für hungernde, kranke und obdachlose Kinder und Jugendliche ein. Sie war Mitbegründerin der AGJ und von 1952 bis 1955 ihre zweite Vorsitzende. Bekannt war sie auch für ihren außerordentlichen Einsatz für eine lebendige Kinder- und Jugendhilfe. In Anerkennung ihres Wirkens verleiht die AGJ seit 1955 den Hermine-Albers-Preis.