Laudatio auf Prof. Dr. Karin Böllert
Verdienste in der Kinder- und Jugendhilfe
von Dr. Gabriele Weitzmann – Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und
Jugendhilfe – AGJ
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
und vor allem: liebe Karin Böllert,
Wir verleihen heute den AGJ-Ehrenpreis der Kinder- und Jugendhilfe.
In der Ordnung dieses Preises heißt es:
Mit dem Ehrenpreis der Kinder- und Jugendhilfe sollen Personen, Organisationen / Institutionen oder Projekte ausgezeichnet werden, die besondere Leistungen für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe und der Jugend(hilfe)politik über einen langen Zeitraum erbracht haben. Zweck des Preises ist es insbesondere, Lebensleistungen bzw. Lebenswerke durch die AGJ anzuerkennen und zu würdigen.
Die Vorschlagskommission der AGJ hat sich entschieden, Dir, liebe Karin, diesen Preis zu verleihen.
Wer die Verdienste von Karin Böllert um die Kinder- und Jugendhilfe würdigen möchte, steht zunächst vor einem kleinen Problem: Wo anfangen?
Bei den Frühen Hilfen?
Bei der Kindertagesbetreuung und der frühen Bildung?
Bei der Kinder- und Jugendarbeit?
Bei der Jugendsozialarbeit?
Bei den Hilfen zur Erziehung?
Beim Kinderschutz?
Bei der Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule?
Bei Inklusion und Teilhabe?
Bei der Jugendpolitik?
Bei der Fachkräftefrage?
Oder beim Kinder- und Jugendhilferecht?
Die Antwort lautet: Eigentlich überall.
Und vielleicht ist genau das der passende Ausgangspunkt für eine Würdigung von Karin Böllert: die Breite ihres Wirkens.
Denn nur wenige haben die Kinder- und Jugendhilfe über einen so langen Zeitraum in ihrer ganzen Breite betrachtet, wissenschaftlich analysiert, fachpolitisch vertreten und an ihrer Weiterentwicklung mitgewirkt.
Nicht nur einzelne Handlungsfelder. Nicht nur einzelne Adressatengruppen. Nicht nur Wissenschaft, Praxis oder Politik, sondern Kinder- und Jugendhilfe als Ganzes. Wie beim Motto des 18. DJHT “Weil es ums Ganze geht”. Genau dieser Gedanke prägte und prägt ihr Wirken in der Kinder- und Jugendhilfe und für junge Menschen. Zuständigkeiten, Unzuständigkeiten, Verweise auf Andere oder Ausreden konnten Karin Böllert nie entmutigen und tun das nach wie vor nicht.
Vielleicht beginnen wir mit Wirkungsorten, um die Reichweite von Karin Böllert zu beleuchten:
Neben wissenschaftlichen Schwerpunkten in Münster, Rostock, Bielefeld fallen die politischen Wirkungsorte auf allen Ebenen ins Auge. Offensichtlich natürlich die Arbeit auf der Bundesebene in unterschiedlichsten Gremien und Arbeitsfeldern z.B. den KJBs, zuletzt als Vorsitzende der Sachverständigenkommission des 17. KJB, dem 5.und 6. Armut- und Reichstumsbericht, aber auch auf Länderebene, z.B. aktuell die Landeskommission NRW zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen, bis hin zur kommunalen Ebene beratend in Jugendhilfeausschüssen, Vorträgen u.v.m.
Schauen wir auf Themen und Adressat:innen:
Frühe Bildung, Familienbildung und Frühe Hilfen gehören ebenso zum wissenschaftlichen und fachpolitischen Wirkungsfeld Karin Böllerts wie die Frage, unter welchen Bedingungen Familien heute eigentlich leben und welche Infrastruktur sie brauchen.
Anschließend kommen Schule und Ganztagsbildung hinzu. Auch hier hat Karin Böllert immer wieder die Verbindungslinien sichtbar gemacht: zwischen Bildung und Jugendhilfe, zwischen Institutionen und Lebenswelten, zwischen den unterschiedlichen professionellen Logiken, die zusammenfinden müssen, wenn sie Kinder tatsächlich gemeinsam unterstützen wollen.
Und dann die Jugenden: Vielleicht zeigt sich hier besonders deutlich eine Grundhaltung, die ihr fachpolitisches Engagement geprägt hat: Junge Menschen sind nicht lediglich Empfängerinnen und Empfänger pädagogischer Leistungen.
Sie sind Subjekte mit eigenen Interessen, eigenen Rechten und eigenen Vorstellungen davon, wie sie leben wollen und jede:r einzelne ist hierbei wahr- und ernst zunehmen in ihrer Vielfalt. Gleiches gilt für die jungen Erwachsen: Kinder- und Jugendhilfe muss jungen Menschen Räume eröffnen, sie beteiligen und ihnen ermöglichen, ihre eigenen Wege zu gehen. Insbesondere die Careleaver:innen waren immer im Focus ihrer Aufmerksamkeit.
Prägende Themenfelder sind für Karin Böllert insbesondere die Fragen der Inklusion, der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, der sozial Benachteiligten und in Armut aufwachsenden jungen Menschen und die Prävention und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Das alles sind keine Themen, die einfach sind. Sie benötigen eine unermüdliche Expertise, Beharrlichkeit und eine Zugewandtheit zu den Jungen Menschen, wie sie Karin Böllert hat. Wer sie im Gespräch mit jungen Menschen erleben darf, wird mitgerissen und motiviert.
Damit kommen wir zu einer weiteren Dimension ihres Wirkungsfeldes, die Verbindung von Wissenschaft und Praxis und der Jugendpolitik.
Karin Böllert ist Wissenschaftlerin. Seit 2001 war sie Professorin und jetzt Senior-Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik an der Universität Münster; zuvor hatte sie eine Professur für Sozialpädagogik an der Universität Rostock inne. Ihre Forschung und ihre umfangreichen Publikationen beschäftigen sich unter anderem mit Sozialpädagogik, Sozialpolitik, gesellschaftlichem Wandel, Kinder- und Jugendhilfe sowie Professionspolitik. Auf Ihrer Webseite finden sich beeindruckende Listen von Publikationen und Forschungsprojekten seit Mitte der 1980er Jahre bis heute.
Aber ihre Wirkung lässt sich nicht allein in Publikationslisten und Projekten messen.
Sie hat über viele Jahre Orte mitgestaltet, an denen Wissenschaft, Praxis, Verbände, Politik und öffentliche Verantwortung miteinander ins Gespräch kommen.
Am deutlichsten wird das an der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ.
Von 2012 bis 2025 stand Karin Böllert 13 Jahre lang an ihrer Spitze.
Wer die AGJ kennt, weiß, was das bedeutet.
Die Vielfalt der unterschiedlichen Akteure der AGJ zu repräsentieren, bedeutet nicht, Unterschiede zum Verschwinden zu bringen.
Es bedeutet, aus Unterschieden gemeinsame Handlungsfähigkeit entstehen zu lassen und zugleich fachlich präzise, kritisch und klar für die Überzeugungen nach außen einzustehen.
Vielleicht lässt sich das breite Wirkungsfeld aber noch auf eine andere Weise ordnen.
Nicht nach Institutionen und Gremien, nicht nach Regelungsbereichen und Leistungen oder nach Altersgruppen.
Sondern nach einer einfachen Frage:
Wer kommt zu Wort, wenn über das Aufwachsen junger Menschen gesprochen wird? Und wer hört die Stimmen von denjenigen, die ihre Stimme nicht wirksam erheben können, weil sie schlicht zu selten oder auch gar nicht gehört werden?
2018 formulierte Karin Böllert im Zusammenhang mit dem Deutschen Kinder- und Jugendhilfepreis, für eine demokratische und solidarische Gesellschaft sei es wichtig, sich für Kinder, Jugendliche und ihre Familien zu engagieren, ihnen eine Stimme zu geben, sie zu beteiligen und Innovationen voranzubringen.
Das ist mehr als ein schönes programmatisches Statement.
Es beschreibt einen Anspruch an die Kinder- und Jugendhilfe.
Eine Kinder- und Jugendhilfe, die junge Menschen schützt, ohne sie zu entmündigen.
Die unterstützt, ohne über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden.
Die Leistungen anbietet und gleichzeitig Rechte anerkennt.
Die nicht nur für, sondern mit jungen Menschen gestaltet wird und die nicht die Kinder oder die Jugendlichen als Gruppen, sondern als Individuen sieht und schätzt.
Diesen Auftrag, auf die Stimmen aller jungen Menschen zu hören, ihnen aktiv zuzuhören, sie einzuladen und anzuregen, sich zu äußern und ihre Meinungen, Bedarfe und Bedürfnisse weiterzutragen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft hat Karin Böllert stets angenommen und erfüllt. Ich möchte hier nur exemplarisch an Ihr Wirken als Vorsitzende der Sachverständigenkommission des 17. Kinder- und Jugendberichts erinnern, in dem die Beteiligung junger Menschen so stark wie nie seitens der Kommission eingefordert und ermöglicht wurde. Und auch dieser Gesamtbericht zeichnete sich dadurch aus “das Ganze” in den Blick zu nehmen, das Aufwachsen junger Menschen und die Kinder- und Jugendhilfe im gesamtgesellschaftlichen Kontext.
Karin Böllerts besonderes Verdienst besteht darin, das Ganze im Blick zu haben:
Kinder- und Jugendhilfe als soziale Infrastruktur des Aufwachsens, aber nicht als Lösungsort für alle gesellschaftlichen Probleme.
Als einen gesellschaftlichen Ort, an dem sich entscheidet, welche Chancen wir Kindern und Jugendlichen eröffnen.
Als einen Ort, an dem die Rechte junger Menschen konkret werden müssen.
Als einen Ort, der Vielfalt anerkennen muss und für alle Kinder und Jugendlichen offen steht und inklusiv gestaltet ist.
Als einen Ort, der Schutz bieten und Beteiligung ermöglichen muss.
Als einen Ort, der gute Fachkräfte und stabile Trägerstrukturen braucht.
Und als einen Ort, der sich immer wieder verändern muss, weil sich auch die Bedingungen des Aufwachsens verändern.
Dabei die Kinder- und Jugendhilfe vom jungen Menschen her zu denken – und gleichzeitig ihre gesellschaftlichen, politischen und institutionellen Bedingungen niemals aus dem Blick zu verlieren mit wissenschaftlicher Genauigkeit, fachpolitischer Beharrlichkeit, der Bereitschaft zum Streit und der Fähigkeit zum Kompromiss.
Als ich gestern durch Stuttgart gefahren bin, dachte ich an das Lied MfG der Fantastischen Vier und daran, wie schwer ich mich anfangs mit den vielen Abkürzungen in der Kinder- und Jugendhilfe getan habe. Aber die braucht es dringend, um dein Wirken auch nur annähernd zusammenzufassen. Hier mal einige:
AGJ, HdJ, SGB VIII, KJB, DJHT, KKG, NZFH, HzE, ASD, DGfE, BMAS, EWFT, TiSSA, UmA, DJI, KJSG, BTHG OKJA, BJK, BMBFSFJ (mit und ohne zweites B), LJHA, BAGLJÄ , KJHP, GfV, WWU, NRW, HRO und ganz ganz viel im ICE
Liebe Karin,
du hast Kinder- und Jugendhilfe nicht nur beschrieben.
Du denkst sie mit, gestaltest sie mit und leihst denen deine Stimme, die nicht hinreichend gehört werden – von den Jüngsten bis zu den jungen Erwachsenen, von der Wissenschaft bis zur Politik und quer durch nahezu alle Felder, in denen es um gutes Aufwachsen geht.
Du siehst das Ganze– ohne den einzelnen jungen Menschen, Elternteil und die Fachkräfte und Ehrenamtlichen der Kinder- und Jugendhilfe aus dem Blick zu verlieren.
Liebe Karin, es ist mir eine große Freude, Dir den Ehrenpreis der AGJ zu verleihen und damit die bisherigen drei Preisträger um eine Preisträgerin zu bereichern.
Herzlichen Dank – und herzlichen Glückwunsch.