Dokumentation der AGJ-Reflexions- und Netzwerktagung „Kinder- und Jugendhilfe in Zeiten von gesellschaftlicher Polarisierung, Demokratiefeindlichkeit und Rechtsruck".

Die Veranstaltung fand am 15./16.09.2026 in Köln in Kooperation mit der Technischen Hochschule Köln statt.

Die Demokratie steht in Europa und weltweit unter Druck. Populistische und extremistische Akteure gewinnen an Zuspruch, demokratie- und menschenfeindliche Positionen normalisieren sich – nicht nur an den Rändern, sondern zunehmend in der Mitte der Gesellschaft. Diese Entwicklungen machen auch vor der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland nicht halt.

Vor diesem Hintergrund fand am 15. und 16. September 2026 die Reflexions- und Netzwerktagung „Kinder- und Jugendhilfe in Zeiten von gesellschaftlicher Polarisierung, Demokratiefeindlichkeit und Rechtsruck“ auf dem Campus der Kooperationspartnerin TH Köln statt. Mit der Tagung wollte die AGJ einen Raum für fachliche Auseinandersetzung, Vernetzung und gegenseitige Stärkung schaffen. Die Veranstaltung richtete sich an Leitungs- und Fachkräfte aller Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe, an Vertreter*innen aus Wissenschaft und Verwaltung sowie an junge Menschen, die in Selbstvertretungen organisiert sind.

Leitend waren drei Blickrichtungen auf das Thema: Erstens ging es um demokratie- und menschenfeindlich motivierte Interventionen „von außen“, die zunehmend alltäglicher werden – etwa durch parlamentarische Anfragen, Förderpolitik, gesteuerte Shitstorms, physische Angriffe auf Einrichtungen und Personal sowie rechtsextremes Agendasetting. Zweitens nahm die Tagung in den Blick, wo und in welcher Weise extrem rechte Akteure versuchen, eigene Angebote mit sozialarbeiterischem Anschein zu entwickeln. Drittens richtete sich der Blick nach innen: auf demokratie- und menschenfeindliche Einstellungen bei Adressat*innen und Fachkräften der Kinder- und Jugendhilfe sowie in ihren Institutionen. In zahlreichen Foren wurden diese Perspektiven für einzelne Handlungsfelder vertieft sowie Handlungserfordernisse und -möglichkeiten diskutiert.

Die Veranstaltung stieß auf große Resonanz und war schnell ausgebucht. 160 Personen aus den verschiedenen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe nahmen teil, etwa ein Drittel davon von Trägern der öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe. Das Programm wurde von einer arbeitsfeldübergreifenden AG erarbeitet und von der Geschäftsstelle der AGJ umgesetzt. Die Foren wurden von Expert*innen gestaltet, von Gremienmitgliedern der AGJ moderiert und vom Team des Fachkräfteportals sowie von Kolleg*innen der AGJ-Geschäftsstelle dokumentiert. Die ausführlichen Berichte aus den einzelnen Foren finden Sie auf dem Portal der Kinder- und Jugendhilfe.

Die Hauptmoderation der Veranstaltung wurde von Benjamin Landes (Institut Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V.) und Franziska Porst (Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ) übernommen.
 

Tag 1 - Dienstag, 15.09.2026

 

©Dirk Osterkamp/TH Köln

Begrüßung

Benjamin Landes und Franziska Porst

 

 

©Dirk Osterkamp/TH Köln

 

Inhaltlicher Impuls

Dr. Gabriele Weitzmann, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe – AGJ

„Wenn wir heute über Kinder- und Jugendhilfe in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung, Demokratiefeindlichkeit und Rechtsruck sprechen, dann sprechen wir nicht über ein abstraktes Zukunftsszenario. Wir sprechen über die Gegenwart.“ Mit diesen Worten begrüßte die AGJ-Vorsitzende Dr. Gabriele Weitzmann die Teilnehmenden des Fachtags.

Kinder- und Jugendhilfe vielfältig betroffen

Politische Auseinandersetzungen würden härter, gesellschaftliche Gruppen zunehmend gegeneinandergestellt. Der Rechtsruck zeige sich in Wahlergebnissen, aber auch in Sprache, in sozialen Medien, in der Kommunalpolitik und in Angriffen auf zivilgesellschaftliches Engagement. Die AGJ-Vorsitzende machte deutlich, dass menschenfeindliche Positionen sich in der Mitte der Gesellschaft ausgebreitet haben. Die Adressat*innen der Kinder- und Jugendhilfe stünden dabei auf beiden Seiten: als Handelnde aus rechtsextremen Überzeugungen ebenso wie als Betroffene von Übergriffen und Gewalt. Fachkräfte, Einrichtungen und Jugendverbände würden angegriffen, zugleich fänden sich menschenfeindliche Einstellungen auch bei Mitarbeitenden. Kritisch merkte sie an, dass Politik und Verwaltung teils ohne Not rechtspopulistische Forderungen aufgreifen, etwa wenn anerkannte Träger ihre Verfassungstreue beweisen sollen oder Neutralitätspflichten zur Fördervoraussetzung werden.

Demokratie vermitteln, leben und verteidigen

Die AGJ stehe als starkes Netzwerk vor der Herausforderung, „demokratische Werte nicht nur zu vermitteln und zu leben, sondern zunehmend auch zu verteidigen“, betonte Weitzmann. Sie verwies auf den 18. DJHT unter dem Motto „Weil es ums Ganze geht: Demokratie durch Teilhabe verwirklichen“ sowie auf den 17. Kinder- und Jugendbericht, der die Demokratiefeindlichkeit als gesamtgesellschaftliche Krise benennt. Beide beschrieben die zentrale Aufgabe: Vertrauen ermöglichen, Teilhabe verwirklichen, Demokratie erfahrbar machen.

Bereits 2024 habe sich die AGJ in ihren Leitlinien zum Umgang mit der AfD und anderen rechtsextremistischen und rechtspopulistischen Akteuren klar positioniert, mit Empfehlungen von Haltung zeigen über das Entlarven von Falschaussagen bis zur Solidarität mit Angefeindeten. Die Tagung, die noch dazu am Internationalen Tag der Demokratie stattfinde, solle dazu beitragen, diese Leitlinien umzusetzen und weiterzutragen. 

Zum Abschluss dankte sie den Teilnehmenden, den ehrenamtlichen Inputgeber*innen und Moderator*innen sowie den Mitarbeiter*innen der AGJ sowie TH Köln für die Organisation.

 

 

©Dirk Osterkamp/TH Köln

Keynote „Ein Spiegel der Gesellschaft? Demokratie- und menschenfeindliche Einstellungen in der Gesellschaft und ihre Wirkung auf die Kinder- und Jugendhilfe – Phänomene und Trends

Prof. Dr. Birgit Jagusch, TH Köln 

Mit ihrer Keynote „Ein Spiegel der Gesellschaft?“ stellte Prof.’in Dr.’in Birgit Jagusch (TH Köln) empirische Befunde zu demokratie- und menschenfeindlichen Einstellungen und deren Bedeutung für die Kinder- und Jugendhilfe vor. Gleich zu Beginn machte sie deutlich: Die Kinder- und Jugendhilfe dürfe sich nicht lediglich als Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen verstehen. Sie sei selbst ein aktiver Ort demokratischer Beteiligung und müsse stärker ins Handeln kommen.

Rechtsextremismus im Arbeitsalltag angekommen

Als empirischen Bezugspunkt stellte Jagusch Ergebnisse des Projekts reKiS – rechtsextreme Einflussnahmen auf den Kinderschutz vor. 82 Prozent der Befragten gaben an, ein deutliches Bewusstsein für Rechtsextremismus zu haben, rund 90 Prozent berichteten, in ihrer Arbeit mit Rechtsextremismus konfrontiert zu sein. Diese Erfahrungen hätten in den vergangenen fünf bis zehn Jahren deutlich zugenommen. Zur Einordnung unterschied sie drei Ebenen: die gesellschaftliche und politische Makroebene, die Mesoebene der Träger und Institutionen sowie die Mikroebene der jungen Menschen.

Makroebene: Normalisierung und Instrumentalisierung

Rechtsextreme Wahlerfolge seien kein deutsches Phänomen, sondern global, etwa in verschiedenen europäischen Staaten oder den USA zu beobachten. Die Akteure seien international vernetzt und lernten voneinander. Jagusch hob die Selbstinszenierung der AfD als demokratische Kraft hervor und verwies auf Hendrik Cremers Buch „Je länger wir schweigen, desto mehr Mut werden wir brauchen". Rechtsextreme Akteur*innen griffen gezielt Themen wie Migration, Geschlechterverhältnisse und zunehmend auch den Kinderschutz auf und verknüpften sie mit menschenfeindlichen Deutungen. Besonders in sozialen Medien würden sie sich als fürsorglich und lösungsorientiert darstellen. Übernähmen demokratische Parteien extrem rechte Narrative, trage dies zu deren Normalisierung bei. Auch die Debatte um ein angebliches Neutralitätsgebot führe bei Trägern und Fachkräften zu erheblicher Verunsicherung, obwohl kein allgemeines Neutralitätsgebot bestehe, das eine Positionierung gegen Menschenfeindlichkeit ausschließe. Rechtsextreme Rhetorik gehe zudem mit realen Bedrohungen und Gewalttaten einher. Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe berichten zunehmend über Über- und Angriffe und massive Bedrohungen. 

Mesoebene: Einflussnahme auch von innen

Die Kinder- und Jugendhilfe sei nicht frei von Rassismus, wie Studien seit rund zwei Jahrzehnten zeigten. Einflussnahmen kämen nicht nur von außen: Rechtsextreme bauten eigene Träger- und Angebotsstrukturen auf, und auch in Einrichtungen könnten Menschen mit menschenverachtenden Positionen tätig sein. Besonders problematisch sei es, wenn demokratische Angebote und Strukturen abgebaut und freiwerdende Räume von rechtsextremen Akteur*innen besetzt würden. Notwendig sei daher, die eigene Praxis kritisch zu reflektieren und demokratische Strukturen zu sichern.

Mikroebene: Demokratie als Idee ja, Umsetzung eher nein

Mit Bezug auf die Mitte-Studie sowie Shell-, SINUS- und DJI-Studien beschrieb Jagusch ein Spannungsverhältnis: Viele junge Menschen bewerteten Demokratie grundsätzlich positiv, seien aber mit ihrer Umsetzung unzufrieden. Erfahrungen von Ausgrenzung, fehlender Beteiligung und Missachtung könnten das Vertrauen schwächen und autoritäre Forderungen attraktiver machen. Seit 2023 sei bei jungen Wähler*innen zudem eine zunehmende Orientierung zu rechten Parteien zu beobachten.

Stärken selbstbewusst nutzen

Für die Kinder- und Jugendhilfe ergebe sich die Aufgabe, Beteiligung im pädagogischen Alltag tatsächlich erfahrbar zu machen und bedrohte junge Menschen wie angefeindete Fachkräfte verlässlich zu schützen. Zum Abschluss betonte Jagusch, die Auseinandersetzung mit rechtsextremen Positionen dürfe nicht sämtliche Kräfte binden. Vielmehr solle die Kinder- und Jugendhilfe ihre Stärken in Bildung, Aufklärung und dem Sichtbarmachen von Vielfalt in den Mittelpunkt stellen und Räume schaffen, in denen junge Menschen Demokratie, Zugehörigkeit und Beteiligung erleben können.

 

©Dirk Osterkamp/TH Köln

 

Forenphase I: Drei Blickrichtungen

Hinweis: Eine inhaltliche Zusammenfassung der einzelnen Foren finden Sie auf dem Portal der Kinder- und Jugendhilfe. Alle Präsentationen der Foren in denen eine Präsentation genutzt wurde, sind auf der Website der AGJ (siehe unten) zu finden. 

Das Portal der Kinder- und Jugendhilfe hat zudem eine Magazinseite zum Thema Kinder- und Jugendhilfe im Kontext Rechtsextremismus eingerichtet und teilt hier aktuelle Nachrichten, Fachbeiträge und Informationen. 

 

©Sabine Kummetat /AGJ

 

Zur Forenphase: In der Phase werden drei Blickrichtungen gerichtet auf 1) Angriffe auf die Kinder- und Jugendhilfe von außen, 2) Angebote der Kinder- und Jugendhilfe von extrem rechten Akteuren und 3) demokratie- und menschenfeindliche Einstellungen bei Adressat*innen oder Fachkräften und Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe selbst. Um den Teilnehmenden die Möglichkeit zu geben, zumindest in zwei der Blickrichtungen einzutauchen, wurde die Forenphase I wiederholt. 

 

Forum 1: Angriffe von außen auf die Kinder- und Jugendhilfe

Input: Dr. Nils Schuhmacher (Uni Hamburg)

Moderation: Julian Lagemann (Deutsche Sportjugend)

 

Forum 2: Extrem rechte Einflussnahmen auf die Kinder- und Jugendhilfe mit Fokus auf Angebotsgestaltung

Input: Prof.in Dr. Júlia Wéber (Hochschule Neubrandenburg)

Moderation: Clara Stüwe (BKJ)

 

Forum 3: Rechte Akteure und rechte Positionen in der Kinder- und Jugendhilfe

 

3a: Adressat*innen: rechte Einstellungen bei jungen Menschen und Familien

Input: Dr. Frank Greuel (DJI)

Moderation: Prof. Dr. Vicki Täubig (Universität Rostock)

 

3b: Fachkräfte und Institutionen

Input: Eva Prausner (Projekt Eltern Stärken) sowie Prof. Dr. Birgit Jagusch (TH Köln)

Moderation: Uwe Ostendorff (ver.di)

 

 

©Dirk Osterkamp/TH Köln

 

Podiumsdiskussion „Tektonische Verschiebungen in der Gesellschaft – Was bedeutet das für die Kinder- und Jugendhilfe?“

Ahmet Sinoplu (Coach e.V.), Prof. Dr. Birgit Jagusch (TH Köln) und Johannes Walter (Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt)

Unter dem Titel „Tektonische Verschiebungen in der Gesellschaft – Was bedeutet das für die Kinder- und Jugendhilfe?“ diskutierten Prof. Dr. Birgit Jagusch (TH Köln), Ahmet Sinoplu (Coach e.V.) und Johannes Walter (Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt), moderiert von Benjamin Landes, über die Auswirkungen rechtsextremer, rassistischer und demokratiefeindlicher Entwicklungen auf die Kinder- und Jugendhilfe und dem Umgang damit.

Anfeindungen binden Ressourcen

Aus der Praxis wurde von zunehmenden Anfeindungen gegenüber Organisationen und Fachkräften berichtet, von öffentlichen Diffamierungen und gezielten Kampagnen bis hin zu Morddrohungen. Die Auseinandersetzung damit binde erhebliche zeitliche und personelle Ressourcen und könne dazu führen, dass Menschen ihr Engagement für Menschenrechte und Demokratie infrage stellten. Besonders betroffen seien Einrichtungen, die mit jungen Menschen mit internationalen Familienbiografien arbeiteten. Zugleich wurde darauf hingewiesen, dass die Erfahrungen regional unterschiedlich seien und teilweise auf langjährige rechtsextreme Kontinuitäten zurückgingen. Die Diskutierenden betonten, dass es sich längst nicht mehr um ein regional begrenztes oder ausschließlich ostdeutsches Phänomen handele. Es wurde davor gewarnt, Entwicklungen so lange zu ignorieren, wie sie die eigene Arbeit noch nicht unmittelbar beeinträchtigten.

Schutzkonzepte und klare Haltung

Träger müssten sich auf Bedrohungslagen vorbereiten und Notfall- und Schutzkonzepte, klare Zuständigkeiten und interne Handlungsleitlinien entwickeln, auch für Veranstaltungen wie die U18-Wahlen, bei denen es wiederholt zu Vorfällen gekommen sei. Schutzkonzepte sollten neben dem individuellen Kinderschutz auch Diskriminierung und demokratiefeindliche Bedrohungen berücksichtigen. Als möglicher Bestandteil präventiver Arbeit wurde zudem die Sensibilisierung des Umfelds von Einrichtungen, beispielsweise der Nachbarschaft, benannt. Der verbreiteten Unsicherheit, wie deutlich man sich positionieren dürfe, auch verstärkt durch die Debatte um Neutralitätsanrufungen, wurde eine klare Haltung gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit als Bestandteil professioneller Arbeit entgegengestellt.

Fachliche Spannungsfelder

Ansätze der Beziehungsarbeit und der akzeptierenden Jugendarbeit müssten angesichts der Normalisierung menschenfeindlicher Positionen kritisch reflektiert werden. Zeitgemäße und gute Lösungsansätze fehlten bislang noch. Fachkräfte stünden vor der Aufgabe, mit jungen Menschen mit menschenfeindlichen Einstellungen zu arbeiten und zugleich Betroffene zu schützen. Daraus wurde ein Bedarf an erweitertem professionellem Handlungswissen abgeleitet, den Hochschulen und Ausbildungseinrichtungen stärker aufgreifen müssten, auch mit Blick auf Haltungsreflexion und Handlungsfähigkeit unter Druck.

Strukturen sichern, solidarisch bleiben

Wo rechtsextreme Akteur*innen politischen Einfluss gewinnen, gerieten Förderstrukturen und Jugendverbände unter Druck. Kürzungen und Rechtfertigungsdruck seien jedoch auch andernorts spürbar. Für den Erhalt von Schutz- und Freiräumen für junge Menschen brauche es verlässliche Mittel, Verbündete in Politik und Verwaltung sowie Unterstützung durch Jugendämter. Zudem wurde dazu aufgerufen, vorhandene Handlungsspielräume zu nutzen und solidarisch für diejenigen einzutreten, deren Möglichkeiten zur Positionierung bereits eingeschränkt seien. Rechtsextreme Positionen seien dabei nicht bloß emotionale Reaktionen, sondern würden oft strategisch vertreten und seien international vernetzt.

Aus dem Publikum wurden die Bedeutung digitaler Räume und der Kinderrechte im digitalen Umfeld ergänzt, ebenso klare Leitlinien gegen Unterwanderung und die Fähigkeit, über politische Grenzen hinweg im Gespräch zu bleiben, ohne demokratische Grundsätze aufzugeben.

Was Hoffnung gibt

Zum Abschluss nannten die Podiumsgäste das politische Interesse und Engagement junger Menschen, die Entschlossenheit, nach Angriffen erst recht weiterzumachen, sowie die große Zahl engagierter Fachkräfte. Gerade für junge Menschen aus rechtsextrem geprägten Umfeldern könnten einzelne unterstützende Bezugspersonen prägend sein, ein Beleg für die Bedeutung verlässlicher Beziehungen in der pädagogischen Praxis.

 

Tag 2 - Mittwoch, 16.09.2026

Am zweiten Tag startete die Veranstaltung nach einem kurzen Auftakt mit einem Poetic Recording von Dominique Macri und Ankommen im Tag direkt in die Forenphase II. 

©Dirk Osterkamp/TH Köln

 

Forenphase II: Ein Blick auf Handlungserfordernisse und Handlungsmöglichkeiten

Die Forenphase II widmete sich übergreifenden Fragestellungen. Diese ließen sich weder einem spezifischen Handlungsfeld noch einer der drei Blickrichtungen der Forenphase I eindeutig zuordnen. Im Fokus standen unter anderem die Qualifizierung von Fachkräften in der Ausbildung sowie Anforderungen an Leitungshandeln. Weiterhin wurden die Situation vulnerabler Gruppen und die Frage beleuchtet, wie das Recht vor Rechtsextremen schützen kann. Abgerundet wurde die Forenphase durch einen Blick auf kommunale Strukturen bis hin zur europäischen Ebene.

 

Forum 4: Vulnerable Gruppen schützen

Input: Dr. Oliver Bokelmann, Prof. Dr. Karin Böllert (beide Universität Münster) und Paul Marr (Initiative VoiceUp!)

Moderation: Tobias Branahl (Die Falken)

 

Forum 5: Europäische Impulse und Handlungserfordernisse mit Blick auf Digitalität und Demokratie

Input: Jutta Croll (Stiftung Digitale Chancen)

Moderation: Georg Pirker (AdB) Martina Cessan (AKSB)

 

Forum 6: Leitungshandeln im Umgang mit extrem rechten Akteuren innerhalb und außerhalb der Organisation

Input: Dominik Ringler und (KiJuBB) und Ahmet Sinoplu (Coach e.V.)

Moderation: Stefan Vielmuth (Systemische Gesellschaft)

 

Forum 7: Resiliente kommunale Strukturen

Input: Janina Bittner (Stadt Leipzig)

Moderation: Esther Scheurle (LWL)

 

Forum 8: Qualifizierung/Ausbildung 

Dieses Forum musste leider ausfallen, sobald ein Nachholtermin feststeht, werden wir Sie hier und per E-Mail informieren.

Input: Prof. Dr. Fabian Virchow (Hochschule Düsseldorf)

Moderation: Thorsten Janssen (Fachverband Heilpädagogik)

 

Forum 9: Wo schützt das Recht vor Rechtsextremen? 

Input: Leon Brandt (SOCLES)
Dieser Input musste leider ausfallen, sobald ein Nachholtermin feststeht, werden wir Sie hier und per E-Mail informieren.

Moderation: Prof. Dr. Davina Höblich (Hochschule RheinMain)

 

©Dirk Osterkamp/TH Köln

 

Pause mit thematischer Vertiefung

Da Information und Wissenstransfer für die Auseinandersetzung mit dem Tagungsthema eine zentrale Bedeutung haben, lagen am Tagungsort durchgehend Materialien zu den verschiedenen Themen der Tagung aus. In einer der Pausen standen zudem Vertreter*innen einiger der Organisationen, die Materialien zur Verfügung gestellt hatten, für Fragen und fachlichen Austausch bereit.

Es wurden Materialien von folgenden Organisationen ausgestellt: 

Gerne möchten wir sie zudem auf die Vielfalt-Mediathek hinweisen. Dort finden Sie Bildungsmaterial gegen (Rechts-)-Extremismus, Menschenfeindlichkeit und Gewalt. Für Demokratie, Vielfalt und Anerkennung.

 

Forenphase III: Ein Blick auf einzelne Handlungsfelder 

Die Forenphase III schaute auf einzelne Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe und nahm hier aktuelle Entwicklungen in den Blick. Der Blick sollte die drei Blickrichtungen aus Forenphase I aufgreifen.

 

Forum 10: Kindertagesbetreuung

Input: Bora Tan (Institut Kinderwelten)

Moderation: Dr. Susanne Lochner (DJI)

 

Forum 11: Kinder- und Jugendarbeit

Input: Dr. Sebastian Winter (ISS) und Johannes Walter (Kinder- und Jugendring Sachsen-Anhalt)

Moderation: Maja Reifegerst (Landesjugendring Hamburg)

Forum 12: Hilfen zur Erziehung

Input: Barbara Richters (Universität Bielefeld)

Moderation: Markus Wulff (LVR)

 

Forum 13: Schulbezogene Jugendsozialarbeit

Input: Christine Lohn (BAG EJSA) und Björn-Christian Jung (Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe)

Moderation: Prof. Dr. Vicki Täubig (Universität Rostock)

 

Forum 14: Kinderschutz

Input: Dr. Thomas Meysen (SOCLES)

Moderation: Dr. Mike Seckinger (DJI)

 

 

©Dirk Osterkamp/TH Köln

Empowernder Abschluss

Dominique Macri

Dr. Gabriele Weitzmann, Benjamin Landes und Franziska Porst

Den Abschluss der Tagung bildete ein empowernder Ausblick, der die zentralen Erkenntnisse der vergangenen Tage in konkrete Impulse für die weitere Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe übersetzte. Das Poetic Recording von Dominique Macri griff wesentliche Gedanken der Tagung auf und verband sie mit einem eindringlichen Appell: Fachkräfte und Organisationen sind gefordert, ihre demokratische und menschenrechtsorientierte Haltung zu klären, zu stärken und im beruflichen Alltag sichtbar werden zu lassen.

Dabei wurde insbesondere die Bedeutung der Qualifizierung angehender Fachkräfte hervorgehoben. Hochschulen und Ausbildungseinrichtungen müssen noch stärker darauf vorbereiten, mit Demokratiefeindlichkeit, Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung auf unterschiedlichen Ebenen umzugehen. Zugleich braucht es Unterstützung dabei, die eigene Haltung zu festigen, persönliche Grenzen wahrzunehmen und Selbstfürsorge mit solidarischem Handeln zu verbinden. Die Aufforderung, die eigene Haltung zu klären und Entwicklungen nicht nur hinterherzulaufen, sondern ihnen vorausschauend zu begegnen, bildete einen zentralen Gedanken des Abschlusses.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Schutz junger Menschen. Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit im Aufwachsen müssen als Formen von Gewalt und als Einschränkungen von Entwicklungs- und Teilhabechancen ernst genommen und klar benannt werden. Sie gehören deshalb auch in Schutzkonzepte und institutionelle Leitlinien der Kinder- und Jugendhilfe. Ziel muss es sein, gefährdete und von Ausgrenzung betroffene junge Menschen zu schützen, sichere Räume zu schaffen und diese dauerhaft zu erhalten. Wo Menschen die Rechte und die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen gefährden, müssen Einrichtungen ihre fachlichen Standards und Schutzinstrumente konsequent nutzen.

Die Anwesenden wurden dazu ermutigt, demokratische und menschenrechtsorientierte Positionen nicht aus Sorge vor politischer Zuschreibung zu relativieren oder sich hinter einem vermeintlichen Neutralitätsanspruch zurückzuziehen. Antifaschismus und Antirassismus, Feminismus, Queer- und Transfreundlichkeit sowie die Anerkennung von Vielfalt seien für Akteure der Kinder- und Jugendhilfe fachlich begründet und sollten selbstbewusst vorgetragen werden. Diese Haltung dürfe nicht nur nach innen wirken, sondern müsse auch nach außen sichtbar werden. Der augenzwinkernde Ausruf „Proud to be vogue!“ setzte dabei einen selbstbewussten, vielfältigkeitsbejahenden Akzent.

Zugleich wurde dafür plädiert, junge Menschen nicht zum Schweigen zu bringen oder ihre Teilhabe einzuschränken, sondern ihre Stimmen und Beteiligungsmöglichkeiten zu stärken – auch im digitalen Raum. Die Aufforderung, Veränderungen bereits am nächsten Tag und im Kleinen zu beginnen, machte deutlich, dass demokratische Praxis nicht erst von großen politischen Entscheidungen abhängt. Sie entsteht auch in alltäglichen Begegnungen, in pädagogischen Entscheidungen und in der Art, wie Einrichtungen mit Ausgrenzung und Konflikten umgehen.

Als wichtige Voraussetzung für wirksames Handeln wurde die Suche nach Verbündeten hervorgehoben. Es gelte, bestehende Netzwerke zu stärken und neue Verbindungen über die eigenen fachlichen und gesellschaftlichen Umfelder hinaus aufzubauen. Neben einer klaren Abgrenzung gegenüber menschenfeindlichen Positionen brauche es auch die Bereitschaft, mit Menschen im Gespräch zu bleiben, die rechte Deutungsmuster übernehmen, ohne sich selbst als Teil einer entsprechenden Bewegung zu verstehen. Ziel sei es, demokratische Überzeugungen zu stärken, Widerspruch zu ermöglichen und weitere Menschen für eine solidarische Gesellschaft zu gewinnen.

Zum Abschluss betonte Dr. Gabriele Weitzmann, dass die AGJ die Impulse und Ergebnisse der Tagung aufgreifen und in ihre weitere fachliche Diskussion einbringen werde. Als Forum und Netzwerk biete sie die Möglichkeit, Erfahrungen zusammenzuführen, gemeinsame Anliegen weiterzuentwickeln und daraus Perspektiven für die Kinder- und Jugendhilfe abzuleiten.

Benjamin Landes schloss die Tagung mit Dank und einem Appell an die Teilnehmenden, sich weiterhin für eine demokratische, menschenrechtsorientierte und menschenfreundliche Kinder- und Jugendhilfe einzusetzen. Der Abschluss verband damit Anerkennung für das bereits Geleistete mit einer klaren Zukunftsperspektive. Die Herausforderungen sind groß, doch Fachkräfte, Einrichtungen und Organisationen verfügen über Handlungsmöglichkeiten. Entscheidend ist, diese zu nutzen, sich gegenseitig zu stärken und jungen Menschen auch unter schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen Schutz, Zugehörigkeit, Beteiligung und Zuversicht zu ermöglichen.

 

©Dirk Osterkamp/TH Köln

 

 

 

© Astrid Piethan

Während der Tagung sowie bei der Verleihung des AGJ-Ehrenpreises der Kinder- und Jugendhilfe, die im selben Zeitraum stattfand, konnten die Teilnehmenden eine Spende für eine zivilgesellschaftliche Organisation tätigen, die sich für Demokratie, Menschenrechte und gegen Menschenfeindlichkeit einsetzt. So konnten insgesamt 800 Euro gesammelt werden, die an Miteinander e.V. in Sachsen-Anhalt gespendet wurden. Vielen Dank dafür!

 

Ansprechperson für Nachfragen und Hinweise ist die zuständige Referentin Eva-Lotta Bueren (eva-lotta.bueren[at]agj.de).

 

Gefördert vom:
Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Im Rahmen des:
KJP - Kinder- und Jugendplan des Bundes. Stärken, was die Zukunft trägt.

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